Veröffentlicht am März 11, 2024

Upskilling ist keine Kostenstelle, sondern Ihre effektivste Rekrutierungsstrategie in einem leeren Bewerbermarkt.

  • Die systematische Weiterbildung interner Mitarbeiter ist nachweislich günstiger und schneller als die externe Neuanstellung.
  • Gezielte Entwicklungspfade und die Anerkennung verborgener Fähigkeiten sind der stärkste Hebel zur Mitarbeiterbindung.

Empfehlung: Beginnen Sie nicht mit einem allgemeinen Weiterbildungskatalog, sondern mit einer strategischen Inventur der bereits in Ihrer Belegschaft vorhandenen, oft unsichtbaren Kompetenzen.

Personalverantwortliche in Deutschland kennen das zermürbende Gefühl: Die wichtigen Positionen sind unbesetzt, die Projekte stagnieren und auf dem externen Arbeitsmarkt herrscht Leere. Die bewährte „Post and Pray“-Methode, also das Schalten von Stellenanzeigen in der Hoffnung auf qualifizierte Bewerber, führt immer häufiger ins Nichts. Viele Unternehmen reagieren darauf mit steigenden Gehältern, teuren Headhuntern oder Kompromissen bei der Qualifikation – ein kostspieliger und selten nachhaltiger Weg. Man spricht über Reskilling (Umschulung für eine völlig neue Rolle) und Upskilling (Vertiefung der Fähigkeiten für die aktuelle oder eine erweiterte Rolle), aber oft bleibt es bei Lippenbekenntnissen.

Doch was, wenn die Lösung für Ihren Fachkräftemangel nicht ausserhalb, sondern bereits innerhalb Ihrer Unternehmensmauern liegt? Was, wenn Ihre treuesten Mitarbeiter das Potenzial für die am dringendsten benötigten Rollen bereits in sich tragen? Der Paradigmenwechsel liegt darin, Upskilling nicht als reaktive Massnahme oder als „nette Geste“ zu betrachten, sondern als proaktives, strategisches Instrument: als eine Form des internen Headhuntings. Es geht darum, das eigene Unternehmen mit den Augen eines externen Recruiters zu sehen und die verborgenen Talente, die „High Potentials“ von morgen, systematisch zu identifizieren, zu entwickeln und langfristig zu binden, bevor es die Konkurrenz tut. Dieser Ansatz ist nicht nur eine Antwort auf den Fachkräftemangel, sondern eine grundlegende Investition in die Resilienz und Zukunftsfähigkeit Ihres Unternehmens.

Dieser Artikel führt Sie durch die strategischen Schritte, um Upskilling als Kern Ihrer Personalstrategie zu etablieren. Wir zeigen Ihnen, wie Sie verborgene Talente aufdecken, die Wirtschaftlichkeit von interner Qualifizierung belegen und eine Kultur schaffen, in der Ihre besten Mitarbeiter nicht nur bleiben, sondern über sich hinauswachsen.

Warum wissen Sie gar nicht, welche Talente in Ihrer Belegschaft schlummern?

In den meisten Unternehmen beschränkt sich das Wissen über Mitarbeiter auf offizielle Jobtitel und die im Lebenslauf dokumentierte Primärqualifikation. Doch das ist nur die Spitze des Eisbergs. Ein Controller, der in seiner Freizeit komplexe Webseiten programmiert? Eine Marketing-Managerin, die fliessend drei Sprachen spricht und ein tiefes Verständnis für interkulturelle Verhandlungen hat? Diese sekundären und tertiären Fähigkeiten sind ein enormes, aber meist unsichtbares Kapital. Das Problem ist nicht das Fehlen von Talent, sondern das Fehlen eines Systems zur Erfassung und Sichtbarmachung dieses Talents. Ohne eine systematische Skill-Inventur agieren Personalabteilungen im Blindflug und suchen extern nach Kompetenzen, die intern längst vorhanden wären.

Die Durchführung einer solchen Inventur ist der erste Schritt des internen Headhuntings. Es geht darum, eine dynamische, unternehmensweite Kompetenz-Datenbank aufzubauen. Dies erfordert strukturierte Mitarbeitergespräche, die über die reine Leistungsbeurteilung hinausgehen, sowie den Einsatz von datenschutzkonformen Tools. Entscheidend ist hierbei die frühzeitige Einbindung des Betriebsrats, um Transparenz und Akzeptanz zu gewährleisten. Das Ziel ist ein klares Bild davon zu haben, wer was kann – über die offizielle Stellenbeschreibung hinaus.

Fallstudie: Interne Talent-Marktplätze bei SAP und Siemens

Deutsche Technologiekonzerne wie SAP und Siemens haben dieses Prinzip erfolgreich umgesetzt. Sie nutzen KI-gestützte interne Talent-Marktplätze, auf denen Mitarbeiter ihre vielfältigen Fähigkeiten in einem digitalen Profil hinterlegen können. Das System schlägt ihnen dann proaktiv passende Projekte oder offene Stellen vor. Bei SAP führte dies zu einer Steigerung der internen Mobilität um 40% und halbierte die Zeit für die Besetzung von Projektteams. Siemens nutzt eine ähnliche Plattform, die sogar Fähigkeiten aus Projektberichten extrahiert, um Mitarbeiter für neue Aufgaben zu identifizieren. Dies zeigt, wie aus einer reaktiven Verwaltung eine proaktive Talentvermittlung wird.

Indem Sie aufhören, nur in Jobtiteln zu denken und anfangen, in Skills zu inventarisieren, verwandeln Sie Ihre Belegschaft von einer statischen Ressource in einen dynamischen Talentpool. Sie schaffen die Grundlage, um auf zukünftige Anforderungen nicht mit teuren Neueinstellungen, sondern mit gezielten internen Besetzungen zu reagieren.

Wie erstellen Sie individuelle Entwicklungspläne, die Mitarbeiter wirklich motivieren?

Sobald Sie die verborgenen Talente in Ihrem Unternehmen identifiziert haben, beginnt die eigentliche „Überzeugungsarbeit“. Ein generischer Weiterbildungskatalog, aus dem sich Mitarbeiter etwas aussuchen können, ist selten motivierend. Echte Motivation entsteht, wenn eine Weiterbildung nicht nur eine neue Fähigkeit vermittelt, sondern auch eine klare und attraktive Zukunftsperspektive im Unternehmen aufzeigt. Hierfür sind individuelle Entwicklungspläne, die gemeinsam mit dem Mitarbeiter erarbeitet werden, unerlässlich. Es geht darum, die Frage zu beantworten: „Was habe ich davon, wenn ich diese neue Kompetenz erlerne?“ Die Antwort muss in einer greifbaren Karriereoption liegen.

Ein mächtiges Instrument hierfür ist die Etablierung einer dualen Karriere-Architektur. Viele hochqualifizierte Spezialisten streben keine Führungsposition an, wollen aber dennoch wachsen und anerkannt werden. Fachkarrieren mit Titeln wie „Senior Expert“ oder „Principal Engineer“, die in Bezug auf Gehalt und Ansehen mit Führungspositionen gleichwertig sind, bieten hier eine Lösung. Wie eine Analyse bei deutschen Technologieunternehmen zeigt, erhöhen solche Modelle die Mitarbeiterbindung von Spezialisten um durchschnittlich 35%. Sie verhindern den „Brain Drain“, bei dem Fachexperten das Unternehmen verlassen, weil sie nur über einen Wechsel in die Führungsebene aufsteigen könnten.

Führungskraft und Mitarbeiter entwickeln gemeinsam einen personalisierten Karrierepfad

Zusätzlich wird der finanzielle Aspekt für Unternehmen in Deutschland durch grosszügige staatliche Förderungen erleichtert. Das Qualifizierungschancengesetz ist ein entscheidender Hebel. Je nach Unternehmensgrösse und Mitarbeiterprofil können bis zu 100% der Weiterbildungskosten und bis zu 75% der Lohnkosten während der Qualifizierung übernommen werden. Dies reduziert die finanzielle Hürde für ambitionierte Upskilling-Programme erheblich und macht die Investition in die eigenen Leute noch attraktiver.

Neue Leute einstellen oder das Team schulen: Was ist günstiger nach 3 Jahren?

Auf den ersten Blick scheint die Rechnung einfach: Eine Weiterbildung kostet Geld, eine Neueinstellung füllt eine Lücke. Doch diese Betrachtung ist gefährlich kurzsichtig. Ein strategischer Personalentwickler muss die Gesamtkosten über einen längeren Zeitraum betrachten. Rechnet man alle direkten und indirekten Kosten zusammen, ist das Upskilling eines bestehenden, loyalen Mitarbeiters fast immer die wirtschaftlichere Entscheidung. Die Herausforderung liegt darin, diese versteckten Kosten der Neueinstellung sichtbar zu machen.

Zu den offensichtlichen Kosten einer Neuanstellung gehören Headhunter-Gebühren, die oft 25-30% eines Jahresgehalts ausmachen, sowie die Kosten für den Recruiting-Prozess selbst. Weitaus gravierender sind jedoch die indirekten Kosten: Ein neuer Mitarbeiter benötigt im Schnitt 6 bis 12 Monate, um die gleiche Produktivität wie ein eingearbeiteter Kollege zu erreichen. In dieser Zeit bindet er Ressourcen von Kollegen und Vorgesetzten. Hinzu kommt das erhebliche finanzielle Risiko einer Fehlbesetzung, das aufgrund des strengen deutschen Kündigungsschutzes schnell existenzbedrohend werden kann. Im Gegensatz dazu sind die Risiken beim Upskilling minimal: Der Mitarbeiter ist bekannt, seine Arbeitsweise und seine kulturelle Passung sind erprobt.

Der folgende Kostenvergleich, basierend auf typischen Werten aus dem deutschen Markt, verdeutlicht die finanzielle Dimension der Entscheidung über einen Zeitraum von drei Jahren.

3-Jahres-Kostenvergleich: Neueinstellung vs. Upskilling
Kostenfaktor Neueinstellung Upskilling bestehender Mitarbeiter
Headhunter-Gebühren 25-30% des Jahresgehalts 0 €
Einarbeitungszeit 6-12 Monate Produktivitätsverlust Parallel zur Arbeit möglich
Weiterbildungskosten Onboarding: 5.000-10.000 € Mit Förderung: 0-2.500 €
Risiko Fehlbesetzung Hoch (Kündigungsschutz) Niedrig (bekannte Mitarbeiter)
Gesamtkosten 3 Jahre 150.000-200.000 € 20.000-50.000 €

Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache. Die Investition in das Upskilling eines bestehenden Mitarbeiters ist nicht nur eine Frage der Unternehmenskultur, sondern eine fundierte betriebswirtschaftliche Entscheidung mit einer klaren, positiven Rendite. Das „interne Headhunting“ schont nicht nur die Budgets, sondern stärkt auch die Organisation von innen heraus.

Das Paradox der Weiterbildung: Gehen gut geschulte Mitarbeiter schneller zur Konkurrenz?

Es ist eine der grössten Ängste von Personalverantwortlichen und Geschäftsführern: „Wenn wir unsere Mitarbeiter zu Top-Experten ausbilden, machen wir sie nur attraktiver für den Wettbewerb und sie verlassen uns beim ersten besseren Angebot.“ Diese Sorge ist verständlich, aber in der Praxis meist unbegründet und führt zu einer gefährlichen Investitionszurückhaltung. Die Realität und zahlreiche Studien zeigen genau das Gegenteil: Gezielte Investitionen in die Mitarbeiterentwicklung sind einer der stärksten Hebel für die Mitarbeiterbindung, nicht für die Fluktuation.

Die Logik dahinter ist einfach: Mitarbeiter verlassen Unternehmen selten wegen einer fehlenden Fähigkeit, sondern meist wegen fehlender Wertschätzung und mangelnder Perspektiven. Ein Unternehmen, das in die Karriere eines Mitarbeiters investiert, sendet ein starkes Signal der Wertschätzung und des Vertrauens. Es zeigt, dass es an eine langfristige gemeinsame Zukunft glaubt. Ein aktueller Bericht von LinkedIn Learning untermauert dies eindrucksvoll: Ganze 94% der Arbeitnehmer geben an, länger in einem Unternehmen zu bleiben, das aktiv in ihre Weiterbildung und Karriereentwicklung investiert.

94% der Arbeitnehmer bleiben länger in einem Unternehmen, das in ihre Weiterbildung investiert.

– LinkedIn Learning, LinkedIn Workplace Learning Report 2022

Ein Fallbeispiel aus dem deutschen Mittelstand, einem sogenannten „Hidden Champion“ im IT-Sektor, belegt dies eindrücklich. Das Unternehmen bot systematisches Upskilling in zukunftsträchtigen Bereichen wie Cloud-Technologien und Cybersecurity an. Das Ergebnis: Die Fluktuation sank innerhalb von zwei Jahren von 18% auf unter 5%. Der Schlüssel war die Kombination aus geförderten Weiterbildungen und der Schaffung klarer interner Aufstiegsperspektiven für die neu qualifizierten Mitarbeiter. Für Unternehmen, die dennoch eine rechtliche Absicherung wünschen, bietet das deutsche Arbeitsrecht die Möglichkeit von rechtssicheren Rückzahlungsklauseln. Diese müssen jedoch strengen Vorgaben der BAG-Rechtsprechung genügen, etwa in Bezug auf Bindungsdauer und degressive Staffelung, um wirksam zu sein.

Wann müssen Sie mit der Umschulung beginnen, damit die Skills zum Projektstart da sind?

Strategisches Upskilling ist keine Ad-hoc-Massnahme, sondern erfordert eine vorausschauende Planung, die eng mit den Geschäftszielen und Projektzyklen des Unternehmens verknüpft ist. Die entscheidende Frage ist nicht *ob*, sondern *wann* eine Qualifizierungsmassnahme beginnen muss, damit die benötigten Kompetenzen exakt dann zur Verfügung stehen, wenn sie gebraucht werden. Wer erst mit dem Upskilling beginnt, wenn der Bedarf akut ist, ist bereits zu spät dran. Erfolgreiche Unternehmen praktizieren eine „Rückwärtsplanung“: Sie definieren den zukünftigen Skill-Bedarf für ein strategisches Projekt und leiten daraus den Zeitplan für die notwendigen Qualifizierungen ab.

Dies erfordert eine enge Zusammenarbeit zwischen Personalabteilung, Fachabteilungen und der Geschäftsführung. Gemeinsam müssen sie mittel- und langfristige Technologie- und Marktentwicklungen antizipieren. Steht in zwei Jahren die Einführung einer neuen Softwareplattform an? Dann muss jetzt mit der Schulung der zukünftigen Administratoren und Power-User begonnen werden. Plant das Unternehmen den Einstieg in einen neuen Markt in 18 Monaten? Dann ist jetzt der richtige Zeitpunkt, um Mitarbeiter in den entsprechenden Sprach- und Kulturkompetenzen zu schulen.

Zeitstrahl zeigt die Synchronisation von Upskilling-Phasen mit Produktentwicklungszyklen

Ein eindrucksvolles Beispiel für strategisches Timing lieferten viele deutsche Unternehmen während der Corona-Pandemie. Anstatt die Mitarbeiter in der Kurzarbeit nur „geparkt“ zu lassen, nutzten sie diese Phase proaktiv für massive Qualifizierungsoffensiven. Ein Automobilzulieferer beispielsweise schulte während der produktionsfreien Zeit seine Produktionsmitarbeiter zu Fachkräften für Robotik und Automatisierung um. Durch die Inanspruchnahme staatlicher Förderungen konnten 85% der Belegschaft neue digitale Kompetenzen erwerben. Als die Produktion wieder anlief, war das Unternehmen nicht nur lieferfähig, sondern technologisch führend und gestärkt aus der Krise hervorgegangen. Dies zeigt: Krisen und Phasen geringerer Auslastung sind keine Bedrohung, sondern strategische Chancen für das Upskilling.

Warum verlassen Ihre kreativsten Köpfe das Unternehmen nach weniger als 2 Jahren?

Kreative Talente und High-Potentials sind die treibende Kraft für Innovation und Wachstum. Doch gerade diese Mitarbeitergruppe weist oft die höchste Fluktuationsrate auf. Sie werden mit hohem Aufwand rekrutiert, nur um das Unternehmen nach kurzer Zeit wieder zu verlassen. Der Grund ist selten das Gehalt. Kreative Köpfe verlassen Unternehmen, wenn sie aufhören zu lernen. Stillstand ist für sie der grösste Feind. Sie suchen nach Herausforderungen, nach Autonomie und vor allem nach der Möglichkeit, ihre Fähigkeiten kontinuierlich weiterzuentwickeln und an relevanten Themen zu arbeiten.

Ein Unternehmen, das keine sichtbaren Lern- und Entwicklungsmöglichkeiten bietet, signalisiert seinen talentiertesten Mitarbeitern, dass ihre persönliche Weiterentwicklung keine Priorität hat. Dies wird durch aktuelle Erhebungen bestätigt: Für 72% der Mitarbeitenden sind kontinuierliches Lernen und Upskilling entscheidend für ihre Relevanz am Arbeitsplatz und damit ein wichtiger Faktor für ihre Zufriedenheit. Ein Mangel an Upskilling-Angeboten ist daher nicht nur ein Versäumnis, sondern ein aktiver Kündigungsgrund für die Leistungsträger, die Sie am dringendsten halten möchten.

Einige der innovativsten deutschen Technologieunternehmen haben dies erkannt und proaktive Gegenmassnahmen ergriffen. Vorreiter wie Zalando oder N26 haben das sogenannte „10-20%-Zeit-Modell“ etabliert. Mitarbeiter erhalten hierbei die Erlaubnis und die Ressourcen, 10 bis 20 Prozent ihrer bezahlten Arbeitszeit für selbstgesteuerte Lernprojekte, die Entwicklung eigener Ideen oder die Teilnahme an internen Qualifizierungsmassnahmen zu nutzen. Dieser Freiraum für Neugier und Experimente hat sich als extrem wirksam erwiesen: Er führte nicht nur zu einer signifikanten Reduzierung der Fluktuation bei kreativen Talenten, sondern generierte gleichzeitig innovative Produktideen und Prozessverbesserungen, die einen direkten Geschäftswert schufen.

Die Investition in Lernzeit ist somit keine verlorene Arbeitszeit, sondern eine direkte Investition in Mitarbeiterbindung und die interne Innovationskraft. Es ist die Anerkennung, dass die besten Ideen dann entstehen, wenn kluge Köpfe den Freiraum bekommen, über ihre täglichen Aufgaben hinauszudenken.

Warum verlieren Sie mit jedem Renteneintritt 30% des impliziten Firmenwissens?

Die demografische Entwicklung ist eine der grössten stillen Bedrohungen für die deutsche Wirtschaft. Laut einer Prognose der Bertelsmann Stiftung werden bis 2027 in Deutschland rund 728.000 Fachkräfte fehlen. Doch der Renteneintritt der Babyboomer-Generation führt nicht nur zu einer quantitativen Lücke. Er verursacht auch einen massiven, oft unbemerkten Verlust von unschätzbar wertvollem Wissen. Es handelt sich um das implizite Wissen – die Erfahrung, die in keinem Handbuch steht: das Wissen um den „kleinen Trick“ an der Maschine, das Gespür für den richtigen Ansprechpartner bei einem kniffligen Kundenproblem oder die Fähigkeit, komplexe Prozesse intuitiv zu steuern.

Dieses „Wissens-Silber“, das über Jahrzehnte im Unternehmen angesammelt wurde, verlässt mit jedem Rentner unwiederbringlich das Haus. Schätzungen gehen davon aus, dass bis zu 30% des erfolgskritischen Wissens eines Bereichs an eine einzige erfahrene Person gebunden sein können. Der Verlust dieses Wissens führt zu längeren Einarbeitungszeiten, einer höheren Fehlerquote und dem Verlust von Effizienz. Upskilling muss hier also in zwei Richtungen gedacht werden: die Qualifizierung jüngerer Mitarbeiter für neue Aufgaben und die systematische Übergabe des Erfahrungswissens der Älteren.

Ein strukturiertes Wissensmanagement, insbesondere durch Tandem-Programme, ist die effektivste Methode, um dieses implizite Wissen zu sichern und weiterzugeben. Es geht darum, Senior-Experten und jüngere Nachwuchskräfte gezielt zusammenzubringen, damit Wissen im direkten Arbeitsalltag transferiert werden kann.

Ihr Plan zur Sicherung von Erfahrungswissen: Das Wissens-Tandem-Programm

  1. Frühzeitige Tandem-Bildung: Starten Sie die Bildung von Wissens-Tandems idealerweise 12-24 Monate vor dem geplanten Renteneintritt des Senior-Experten.
  2. Definierte gemeinsame Arbeitszeit: Legen Sie eine feste wöchentliche oder monatliche Stundenzahl fest, in der Senior und Junior ausschliesslich gemeinsam an kritischen Aufgaben arbeiten.
  3. Dokumentation kritischer Prozesse: Nutzen Sie moderne Medien wie kurze Video-Interviews oder Screencasts, in denen der Senior-Experte komplexe Abläufe erklärt und demonstriert.
  4. Aufbau eines digitalen Wissens-Wikis: Erstellen Sie eine zentrale, durchsuchbare Wissensdatenbank (z.B. ein Wiki), in der das dokumentierte Wissen DSGVO-konform für alle relevanten Mitarbeiter zugänglich gemacht wird.
  5. Regelmässige Fortschrittsevaluation: Führen Sie monatliche oder quartalsweise Gespräche mit dem Tandem und einer HR-Begleitung, um den Fortschritt des Wissenstransfers zu bewerten und Hindernisse aus dem Weg zu räumen.

Dieses Vorgehen verwandelt den drohenden Wissensverlust in einen strukturierten Qualifizierungsprozess. Der Senior-Experte wird zum Mentor und internen Trainer, der Junior-Mitarbeiter profitiert von einem unschätzbaren Erfahrungsschatz und das Unternehmen sichert sein wertvollstes Kapital: sein kollektives Wissen.

Das Wichtigste in Kürze

  • Upskilling ist kein Kostenfaktor, sondern die strategische Antwort auf den leeren Fachkräftemarkt – es ist internes Headhunting.
  • Eine systematische Skill-Inventur deckt verborgenes Potenzial in der eigenen Belegschaft auf und ist die Basis jeder erfolgreichen Personalentwicklung.
  • Die Investition in interne Weiterbildung ist über einen 3-Jahres-Horizont nachweislich günstiger, risikoärmer und fördert die Mitarbeiterbindung effektiver als die externe Rekrutierung.

Wie gewinnen Sie Azubis für das Handwerk trotz Akademisierungstrend?

Der Fachkräftemangel beginnt nicht erst bei den ausgebildeten Spezialisten, sondern bereits an der Wurzel: beim Nachwuchs. Der anhaltende Trend zur Akademisierung führt dazu, dass sich immer weniger junge Menschen für eine duale Ausbildung, insbesondere im Handwerk, entscheiden. Viele Handwerksbetriebe kämpfen mit unbesetzten Lehrstellen und einer alternden Belegschaft. Doch das Klagen über den Akademisierungstrend allein löst das Problem nicht. Erfolgreiche Betriebe gehen einen anderen Weg: Sie machen die Ausbildung selbst wieder attraktiv, indem sie sie mit gezieltem, zukunftsorientiertem Upskilling verbinden.

Die Strategie lautet „Ausbildung 4.0“. Es geht darum, traditionelle Handwerksberufe mit den digitalen Kompetenzen des 21. Jahrhunderts anzureichern. Der Tischler-Azubi lernt nicht nur den Umgang mit Hobel und Säge, sondern auch das Programmieren einer CNC-Fräse. Der angehende Anlagenmechaniker für Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik wird zum Experten für die Steuerung von Smart-Home-Systemen per App. Ein Dachdeckerbetrieb, der seinen Auszubildenden zusätzlich einen Drohnenführerschein zur Inspektion von Dächern anbietet, hebt sich massiv vom Wettbewerb ab. Diese digitalen Zusatzqualifikationen machen die Ausbildung anspruchsvoller, zukunftssicherer und damit wieder attraktiv für eine technologieaffine junge Generation. Fallstudien zeigen, dass Betriebe mit diesem Ansatz ihre Bewerberzahlen um bis zu 60% steigern und die branchenübliche Abbrecherquote drastisch senken konnten.

Gleichzeitig ist es wichtig, die rationalen Vorteile einer dualen Ausbildung im Vergleich zu einem Hochschulstudium klar zu kommunizieren. Viele junge Menschen und ihre Eltern haben ein verzerrtes Bild von den Karrierewegen. Ein faktenbasierter Vergleich kann hier für Aufklärung sorgen.

Karrierewege im Vergleich: Duale Ausbildung vs. Studium
Kriterium Duale Ausbildung + Upskilling Hochschulstudium
Einstiegsgehalt Sofort nach 3 Jahren Nach 3-5 Jahren Studium
Praxiserfahrung 3 Jahre Berufserfahrung Meist nur Praktika
Aufstiegsmöglichkeiten Geselle→Meister→Techniker→Betriebswirt Bachelor→Master→Promotion
Abbrecherquote 15-20% 30-40% in MINT-Fächern
Weiterbildungsförderung Bis 100% staatlich gefördert Meist selbstfinanziert

Durch die Modernisierung der Ausbildungsinhalte und die transparente Kommunikation der hervorragenden Karriere- und Verdienstmöglichkeiten kann das Handwerk im „War for Talents“ wieder an Boden gewinnen. Es geht nicht darum, gegen den Akademisierungstrend zu kämpfen, sondern eine ebenso attraktive, praxisorientierte und technologisch anspruchsvolle Alternative anzubieten.

Die Zukunft Ihres Unternehmens hängt von der nächsten Generation ab. Es ist von entscheidender Bedeutung zu verstehen, wie Sie trotz des Akademisierungstrends qualifizierte Azubis für das Handwerk gewinnen können.

Ihre nächste Top-Fachkraft, Ihr nächster Projektleiter oder Ihr nächster Innovator ist möglicherweise schon heute in Ihrem Unternehmen – und wartet nur darauf, entdeckt und entwickelt zu werden. Der Wechsel von einer reaktiven, extern fokussierten Rekrutierung zu einem proaktiven, internen Talentmanagement ist nicht nur eine Option, sondern die strategische Notwendigkeit in der heutigen Arbeitswelt. Beginnen Sie noch heute mit dem ersten Schritt: der systematischen Inventur der verborgenen Fähigkeiten in Ihrer Belegschaft.

Geschrieben von Elke Rosenbaum, Wirtschaftspsychologin und HR-Direktorin mit Schwerpunkt auf New Work, Recruiting und Organisationsentwicklung. Expertin für den demografischen Wandel in der Arbeitswelt.