Veröffentlicht am März 11, 2024

Deutsche Konzerne können nicht einfach die chaotische Freiheit der Berliner Kreativszene kopieren, sondern müssen deren Erfolgsprinzipien intelligent in ihre eigenen Strukturen übersetzen.

  • Eine positive Fehlerkultur bedeutet nicht Fahrlässigkeit, sondern das kalkulierte Eingehen kleiner Risiken, um grosse Katastrophen zu vermeiden.
  • Design-Thinking-Methoden dienen als „Übersetzer“, um komplexe Industrieprobleme nutzerzentriert und agil zu lösen.

Empfehlung: Beginnen Sie nicht mit einer Revolution der gesamten Unternehmenskultur, sondern schaffen Sie geschützte „Innovations-Inseln“, in denen neue Arbeitsweisen getestet und validiert werden können.

Als Innovationsmanager in einem deutschen Traditionskonzern kennen Sie das Bild: Auf der einen Seite die etablierte, prozesssichere Welt der Vorstandsetagen und langen Genehmigungsketten. Auf der anderen Seite das pulsierende, scheinbar chaotische Treiben in den Co-Working-Spaces von Berlin-Mitte, wo Start-ups mit rasanter Geschwindigkeit Ideen entwickeln, verwerfen und neu erfinden. Die Verlockung ist gross, die dortige Dynamik einfach importieren zu wollen. Schnell fallen die bekannten Schlagworte: Wir müssen „agiler“ werden, eine „mutigere Fehlerkultur“ etablieren und „flachere Hierarchien“ schaffen.

Doch diese Ratschläge greifen oft zu kurz. Sie ignorieren die Realität gewachsener Konzerne, in denen Stabilität, Compliance und Planbarkeit keine Schwächen, sondern überlebenswichtige Stärken sind. Der Versuch, die anarchische Freiheit eines Start-ups blindlings über eine etablierte Organisation zu stülpen, ist zum Scheitern verurteilt. Es führt zu Frustration, kulturellen Konflikten und am Ende zu keiner echten Innovation. Aber was, wenn der Schlüssel nicht im Kopieren, sondern im intelligenten Übersetzen liegt? Wenn es nicht darum geht, die eigene Kultur abzureissen, sondern darum, strategische Brücken zu bauen?

Dieser Artikel ist Ihr Bauplan für genau diese Brücken. Wir zeigen Ihnen, wie Sie die fundamentalen Prinzipien der Kreativszene – von der produktiven Fehleranalyse über nutzerzentrierte Problemlösung bis hin zu flexiblen Teamstrukturen – gezielt für die Herausforderungen Ihres Konzerns adaptieren können. Es geht darum, eine „strukturierte Anarchie“ zu ermöglichen: Freiräume für Kreativität zu schaffen, die fest im Fundament Ihrer Organisation verankert sind. Entdecken Sie, wie Sie die Energie Berlins nutzen können, ohne die Stabilität Ihres Unternehmens zu gefährden.

Der folgende Leitfaden führt Sie durch die zentralen Lernfelder und gibt Ihnen konkrete, umsetzbare Strategien an die Hand, um die Innovationskraft in Ihrem Unternehmen nachhaltig zu entfesseln.

Warum ist die „Fuckup-Culture“ der Kreativen essenziell für echte Innovation?

Der Begriff „Fuckup-Culture“ wird in deutschen Konzernen oft missverstanden als eine Einladung zu Fahrlässigkeit. In Wahrheit ist das Gegenteil der Fall: Es ist eine strategische Methode zur Risikominimierung. Die Kreativszene hat verstanden, dass der beste Weg, ein katastrophales Scheitern im grossen Stil zu verhindern, darin besteht, viele kleine, kontrollierte und vor allem lehrreiche Fehler früh im Prozess zuzulassen. Jedes schnell gescheiterte Experiment ist eine wertvolle Datenerhebung, die den Weg zum Erfolg ebnet und teure Irrwege verhindert. Dies steht im starken Kontrast zur traditionellen deutschen Unternehmenskultur, in der Fehler oft als persönliches Versagen gewertet werden.

Die Dringlichkeit dieses Kulturwandels ist messbar. Eine Studie von Deloitte zeigt, dass für 31 % der deutschen Innovationsverantwortlichen die Unternehmenskultur und mangelnde Risikobereitschaft zu den grössten Innovationshindernissen zählen. Die Angst vor dem Scheitern lähmt die Initiative und führt dazu, dass nur noch absolut sichere, aber eben auch nur inkrementelle Verbesserungen verfolgt werden. Echte, disruptive Innovation erfordert jedoch Mut zum Experiment.

Kreative Veranstaltung wo Unternehmer ihre Fehlergeschichten auf einer Bühne teilen

Das Vorbild des Silicon Valley, wie es in einem Bericht von TOP 100 beschrieben wird, zeigt eine gänzlich andere Herangehensweise. Dort sind Fehler nicht nur toleriert, sondern explizit erwünscht, da sie als fundamentaler Teil des Lernprozesses gelten. Ein gescheitertes Gründungsvorhaben ist kein Stigma, sondern ein Erfahrungsnachweis. Diese psychologische Sicherheit, kombiniert mit ökonomischen Strukturen, die das persönliche Risiko minimieren, schafft ein Umfeld, in dem bahnbrechende Ideen überhaupt erst gedeihen können. Für deutsche Konzerne bedeutet das: Statt Fehler zu bestrafen, müssen Prozesse geschaffen werden, die das schnelle, kostengünstige Testen von Hypothesen – und damit das kontrollierte Scheitern – aktiv fördern.

Wie lösen Sie komplexe Industrieprobleme mit Methoden aus dem Produktdesign?

Industrieprobleme in deutschen Konzernen sind oft von hoher technischer Komplexität und tiefen Prozessabhängigkeiten geprägt. Die Lösungsansätze sind traditionell ingenieurgetrieben: datenbasiert, analytisch und auf Perfektion ausgerichtet. Methoden aus dem Produktdesign, wie das vielzitierte Design Thinking, bieten hier einen radikal anderen, aber ungemein wertvollen Ansatz. Sie fungieren als eine Art „Übersetzer“, der die Sprache der Nutzerbedürfnisse in technische Anforderungen überführt und so die Perspektive vom „Was ist technisch machbar?“ zum „Was ist für den Menschen wirklich wertvoll?“ verschiebt.

Der Kern dieser Methoden liegt in einem iterativen Zyklus aus Verstehen, Beobachten, Ideen entwickeln, Prototypen bauen und Testen. Statt monatelang an einer perfekten Lösung zu feilen, werden schnell greifbare Modelle (Prototypen) geschaffen, die mit echten Nutzern getestet werden. Dieses frühe Feedback ist entscheidend, um Fehlentwicklungen zu vermeiden und sicherzustellen, dass das Endprodukt nicht am Markt vorbeientwickelt wird. Es geht darum, durch schnelle Lernzyklen die Komplexität zu beherrschen, anstatt zu versuchen, sie vorab vollständig zu durchdringen. Dieser Ansatz fördert nicht nur kreativere Lösungen, sondern reduziert auch das Entwicklungsrisiko erheblich.

Doch die reine Anwendung von Kreativitätstechniken ist kein Erfolgsgarant. Eine Erhebung der Universität Stuttgart unter Unternehmen im deutschsprachigen Raum ergab, dass zwar viele Firmen solche Techniken nutzen, aber nur die Hälfte der Befragten ihrem Unternehmen auch tatsächlich eine hohe Ideendichte und kreative Mitarbeiter zuschreibt. Dies unterstreicht, dass es nicht nur um die Werkzeuge geht, sondern um die Schaffung eines Umfelds, in dem diese Werkzeuge ihre volle Wirkung entfalten können. Es braucht interdisziplinäre Teams, dedizierte Zeit für Experimente und eine Führung, die diesen Prozess aktiv unterstützt und verteidigt.

Feste Teams oder flüssige Kollektive: Was macht Projekte schneller?

Die Organisationsstruktur in deutschen Konzernen ist traditionell auf Stabilität und Effizienz durch Spezialisierung ausgelegt: Feste Teams, klare Hierarchien und definierte Zuständigkeiten. Die Berliner Kreativszene und das Silicon Valley praktizieren hingegen ein Modell, das man als „flüssige Kollektive“ bezeichnen könnte. Hier finden sich Experten projektbasiert zusammen, arbeiten intensiv an einer Lösung und lösen die Konstellation wieder auf, sobald das Ziel erreicht ist. Diese hohe Fluktuation sorgt für einen ständigen Zustrom neuer Ideen und verhindert das Entstehen von Betriebsblindheit und „Ja-Sager“-Mentalitäten.

Beide Modelle haben ihre Berechtigung, doch für die Bewältigung schneller, disruptiver Innovationszyklen ist das fluide Modell oft überlegen. Der ständige Austausch von Talenten und Perspektiven beschleunigt den Wissenstransfer und erhöht die Anpassungsfähigkeit des gesamten Systems. Wie ein Bericht zur Innovationsreise von TOP 100 ins Silicon Valley zeigt, ist die Dynamik dort extrem hoch. In diesem Kontext ist die folgende Beobachtung besonders eindrücklich:

Im extremen Fall kann ein Mitarbeiter ein Unternehmen am Morgen verlassen und am Nachmittag bei einem anderen beginnen.

– TOP 100 Innovationsreise-Bericht, Silicon Valley Field Trip Analyse 2022

Für einen deutschen Konzern ist eine solche extreme Fluidität weder realistisch noch wünschenswert. Der Verlust von tiefem, über Jahre aufgebautem Domänenwissen wäre fatal. Die Brücke liegt in einem Hybridmodell: feste Kernteams, die für Stabilität und Prozesswissen sorgen, werden gezielt und temporär durch externe Spezialisten, Freelancer aus der Kreativszene oder interne Experten aus anderen Abteilungen ergänzt. Diese „hybriden Kollektive“ kombinieren das Beste aus beiden Welten: die Tiefe der Organisation mit der Breite externer Impulse.

Der folgende Vergleich, basierend auf der Analyse von TOP 100, verdeutlicht die fundamentalen Unterschiede der beiden Ansätze.

Vergleich: Feste Teams vs. Fluide Strukturen
Kriterium Feste Teams (Deutsche Konzerne) Fluide Kollektive (Silicon Valley)
Mitarbeiterfluktuation Lange Verweildauer, hohe Stabilität Hohe Fluktuation, kurze Verweildauer
Wissenstransfer Langsam, innerhalb der Abteilung Schnell, über Unternehmensgrenzen hinweg
Innovationsgeschwindigkeit Moderat, abhängig von Hierarchien Hoch, durch ständige neue Impulse
Projektflexibilität Begrenzt durch feste Strukturen Maximal durch wechselnde Konstellationen

Der Kreativitäts-Killer: Wie Compliance-Regeln in Konzernen neue Ideen ersticken

Compliance, Regularien und festgeschriebene Prozesse sind das Rückgrat grosser Unternehmen. Sie sichern Qualität, minimieren Risiken und gewährleisten rechtliche Konformität. Gleichzeitig können sie jedoch zu einem unüberwindbaren Hindernis für radikale Innovationen werden. Eine neue Idee, die nicht in die bestehenden Prozessschablonen passt, wird oft schon im Keim erstickt, bevor ihr Potenzial überhaupt bewertet werden kann. Lange Genehmigungsprozesse und eine risikoaverse Haltung der Entscheider tun ihr Übriges, um kreative Impulse zu lähmen.

Dieses Problem ist in der deutschen Wirtschaft tief verwurzelt. Die Deloitte-Innovationsstudie von 2024 zeigt, dass sich fast 25 % der Innovationsverantwortlichen schnellere und transparentere Genehmigungsprozesse wünschen. Die Lösung kann jedoch nicht darin bestehen, Compliance über Bord zu werfen. Vielmehr geht es darum, eine „Innovations-Brücke“ zu bauen: die Schaffung von geschützten Freiräumen, sogenannten „Compliance Sandboxes“ oder „Prozess-Inseln“.

Moderner Innovationsraum mit flexiblen Arbeitszonen und experimentellem Setup

In diesen klar definierten Bereichen – sei es ein zeitlich befristetes Projekt, eine eigene Abteilung oder ein internes Start-up – gelten temporär andere, vereinfachte Regeln. Hier können Teams neue Ideen schnell und unbürokratisch validieren, ohne das gesamte Unternehmen einem unkalkulierbaren Risiko auszusetzen. Erst wenn eine Idee in diesem geschützten Rahmen ihre Marktfähigkeit und Skalierbarkeit bewiesen hat, wird sie in die regulären, Compliance-gesteuerten Prozesse des Konzerns überführt. Dieser Ansatz ermöglicht Experimente am Rande des Kerngeschäfts, ohne die Stabilität des Kerns zu gefährden.

Wie gestalten Sie Büros, die zufällige Begegnungen und Ideen fördern?

Die Gestaltung des Arbeitsumfelds hat einen direkten und oft unterschätzten Einfluss auf die Innovationskultur eines Unternehmens. Während traditionelle Büros auf Konzentration und Effizienz in Einzel- oder Teambüros optimiert sind, zielen die Raumkonzepte der Berliner Kreativszene auf etwas ganz anderes ab: die Maximierung von „geplanter Serendipität“ – dem zufälligen, aber fruchtbaren Aufeinandertreffen von Menschen und Ideen. Innovation entsteht selten am Schreibtisch, sondern oft im informellen Gespräch an der Kaffeemaschine, auf dem Flur oder in einer entspannten Lounge-Ecke.

Die enorme Dynamik des Berliner Startup-Ökosystems, in dem 2022 rund 90.000 Menschen beschäftigt waren, wird auch durch solche physischen Innovationsräume befeuert. Für Konzerne bedeutet dies nicht, alle Wände einzureissen. Es geht darum, gezielt Orte der Begegnung zu schaffen, die den abteilungsübergreifenden Austausch fördern. Die Gestaltung solcher Räume folgt dabei klaren Prinzipien, die darauf abzielen, Mitarbeiter aus ihren Silos zu locken und informelle Kommunikation zu stimulieren. Dazu gehören:

  • Zentrale Kaffeezonen und Küchen als attraktive und unvermeidbare Treffpunkte für alle Abteilungen.
  • Offene, einladende Treppenhäuser, die der Nutzung von Aufzügen vorgezogen werden und so spontane Gespräche ermöglichen.
  • Flexible Möbel, die es Teams erlauben, ihre Arbeitsumgebung spontan an die Bedürfnisse eines Projekts anzupassen.
  • Eine Mischung aus offenen Kollaborationsflächen und schalldichten Boxen für konzentriertes Arbeiten oder vertrauliche Telefonate.
  • Bewusst gestaltete Rückzugszonen, die zur Entspannung und zum informellen Austausch einladen und eine kreative Pause vom Arbeitsalltag ermöglichen.

Die Investition in solche Räume ist keine blosse Kosmetik, sondern eine strategische Investition in die soziale Infrastruktur der Innovation. Sie schaffen die physische Grundlage dafür, dass das kollektive Wissen des Unternehmens zirkulieren und sich zu neuen Ideen verbinden kann.

Wie verwandeln Sie Mitarbeitervorschläge in marktreife Produkte ohne Bürokratie?

In den Köpfen Ihrer Mitarbeiter schlummern unzählige Ideen, doch die meisten versanden in den Mühlen der Bürokratie. Ein Vorschlag muss durch etliche Hierarchieebenen, wird von Bedenkenträgern zerredet und scheitert am Ende an der Budgetvergabe. Das ist nicht nur demotivierend, sondern auch eine immense Verschwendung von Innovationspotenzial. Die grösste Hürde ist dabei oft nicht der Mangel an Ideen, sondern der Mangel an Mitteln. Laut einer Deloitte-Umfrage unter deutschen Innovationsführern sehen 43 % der Befragten fehlende Ressourcen als grösstes Innovationshindernis.

Die Berliner Startup-Szene, die als Deutschlands Gründerhauptstadt gilt, bietet hier ein starkes Gegenmodell. Statt auf langwierige Genehmigungsprozesse setzen Gründer auf schnelle Prototypen und Pitches vor Investoren. Dieses Prinzip lässt sich in Konzerne übersetzen: durch die Etablierung eines internen Accelerators. Dabei handelt es sich um ein standardisiertes Programm, das es Mitarbeitern oder Teams ermöglicht, ihre Ideen wie ein internes Start-up zu entwickeln. Sie erhalten ein kleines Startbudget, Mentoring durch erfahrene Kollegen und vor allem die Freiheit, ihre Idee ausserhalb der normalen Linienorganisation schnell zu validieren.

Mitarbeiter präsentiert innovative Idee vor internem Innovationsboard

Ein solcher interner Accelerator fungiert als strukturierte „Innovations-Brücke“, die eine Idee sicher vom Geistesblitz bis zum validierten Prototyp begleitet. Er schafft einen fairen und transparenten Wettbewerb der Ideen, bei dem die besten Konzepte die nächste Finanzierungsrunde erhalten. Dies fördert nicht nur den Unternehmergeist im Unternehmen (Intrapreneurship), sondern stellt auch sicher, dass Ressourcen gezielt in die vielversprechendsten Projekte fliessen. Anstatt Vorschläge in Formularen sterben zu lassen, geben Sie ihnen eine echte Chance, zu fliegen.

Ihr 5-Punkte-Audit: Vom Vorschlag zum Prototyp

  1. Punkte des Kontakts: Listen Sie alle aktuellen Kanäle auf, über die Mitarbeiter Ideen einreichen können (z.B. E-Mail, Vorschlagswesen, direkte Vorgesetzte). Sind diese Kanäle zugänglich und bekannt?
  2. Sammlung & Bewertung: Inventarisieren Sie die existierenden Bewertungskriterien. Sind sie transparent, fair und auf Innovationspotenzial (nicht nur auf Kosteneinsparung) ausgelegt?
  3. Kohärenz & Ressourcen: Gleichen Sie den Prozess mit den strategischen Zielen des Unternehmens ab. Gibt es ein zugewiesenes, unbürokratisches Budget für die erste Validierungsphase einer Idee?
  4. Geschwindigkeit & Feedback: Messen Sie die durchschnittliche Zeit von der Einreichung einer Idee bis zur ersten qualifizierten Rückmeldung. Ist dieser Zeitraum kurz genug, um die Motivation hochzuhalten?
  5. Plan zur Implementierung: Definieren Sie einen klaren Pfad für erfolgreiche Ideen. Was ist der nächste Schritt nach einem positiven ersten Feedback? Wer ist verantwortlich?

Warum führen Ja-Sager-Teams das Unternehmen schneller in die Krise?

In vielen traditionellen Hierarchien wird Konsens fälschlicherweise mit Harmonie und Effizienz gleichgesetzt. Ein Team, in dem alle einer Meinung sind, scheint schnell und reibungslos zu arbeiten. Doch diese scheinbare Einigkeit ist oft ein Symptom einer gefährlichen Krankheit: der „Ja-Sager-Kultur“. Wenn Mitarbeiter aus Angst vor Konflikten, aus Respekt vor der Hierarchie oder aus Bequemlichkeit aufhören, kritische Fragen zu stellen und alternative Perspektiven einzubringen, wird das Team blind für Risiken und Chancen. Entscheidungen werden nicht mehr auf Basis der besten Argumente getroffen, sondern auf Basis der Meinung der ranghöchsten Person im Raum.

Diese Kultur erstickt nicht nur Innovation, sie führt aktiv in die Krise. Ohne konstruktive Reibung und die Vielfalt der Meinungen werden Fehlentwicklungen nicht korrigiert und strategische Kurswechsel zu spät eingeleitet. Die Kreativszene lebt vom Gegenteil: von der „kollaborativen Reibung“. Hier wird die beste Idee durch leidenschaftliche, aber respektvolle Debatten geschmiedet. Es ist ein Umfeld, in dem es nicht um persönliche Eitelkeiten geht, sondern um das gemeinsame Ringen um die beste Lösung. Wie Christian Rampelt, Gründer der Personalberatung Dfind, treffend bemerkt:

Die Mitarbeiter der neuen Generation suchen heute nach einem Arbeitsumfeld, in dem sie Fehler machen dürfen. Sie wollen sich ausprobieren können.

– Christian Rampelt, Headhunter und Gründer von Dfind

Diese Aussage impliziert auch den Wunsch, widersprechen zu dürfen, ohne negative Konsequenzen fürchten zu müssen. Ein Umfeld, das Fehler erlaubt, ist auch ein Umfeld, das abweichende Meinungen zulässt. Im Silicon Valley, so ein CIO.de-Bericht, wird diese Haltung hochgeschätzt: Man sucht nach „Machern“, die Dinge anpacken, im Gegensatz zu „Bedenkenträgern“, die nur zögern. Ein guter „Macher“ ist aber auch jemand, der den Mut hat, „Nein“ zu sagen, wenn ein Plan nicht durchdacht ist. Die Schaffung von psychologischer Sicherheit, in der jedes Teammitglied seine Meinung frei äussern kann, ist daher keine weiche Sozialmassnahme, sondern eine harte Notwendigkeit für die Zukunftsfähigkeit des Unternehmens.

Das Wichtigste in Kürze

  • Kopieren Sie nicht die Kultur, sondern übersetzen Sie die Prinzipien: Bauen Sie Brücken zwischen der Kreativszene und Ihrer Konzernstruktur.
  • Etablieren Sie eine produktive Fehlerkultur, indem Sie kleine, schnelle Experimente fördern, um grosse, teure Fehlschläge zu vermeiden.
  • Schaffen Sie geschützte „Prozess-Inseln“ oder „Sandboxes“, um Innovationen unbürokratisch zu testen, ohne die Compliance des Kerngeschäfts zu gefährden.

Wie passen Sie Ihr Produktangebot an den kulturellen Wertewandel an?

Die agilen Arbeitsweisen der Kreativszene sind kein Selbstzweck. Sie sind eine hochwirksame Antwort auf eine sich immer schneller verändernde Welt. Kulturelle Werte, Konsumentenverhalten und technologische Möglichkeiten wandeln sich in rasantem Tempo. Unternehmen, die starr an ihren etablierten Produkten und Prozessen festhalten, verlieren unweigerlich den Anschluss. Die Fähigkeit, diese kulturellen Verschiebungen frühzeitig zu erkennen und das eigene Angebot anzupassen, ist zur zentralen Überlebenskompetenz geworden.

Die Berliner Kreativ- und Tech-Szene ist ein Seismograf für diese Veränderungen. Hier werden neue Lebensstile, Bedürfnisse und Technologien nicht nur diskutiert, sondern gelebt. Die Tatsache, dass laut Projekt Zukunft Berlin 58 % des gesamten in Deutschland investierten Risikokapitals nach Berlin fliessen, ist ein klares Signal: Hier entsteht die Zukunft. Für Konzerne ist die Nähe zu diesem Epizentrum des Wandels eine strategische Notwendigkeit. Es geht darum, eine „kulturelle Intelligenz“ zu entwickeln – ein systematisches Gespür für aufkommende Trends und deren Implikationen für das eigene Geschäft.

Dies erfordert mehr als nur gelegentliche Marktforschung. Es bedarf eines aktiven und permanenten Dialogs mit der Aussenwelt. Die folgenden Strategien, inspiriert von der Arbeitsweise erfolgreicher Start-ups, können dabei helfen, diese Fähigkeit im Unternehmen zu verankern:

  • Systematische Analyse: Nutzen Sie Social-Media-Daten und ethnografische Methoden, um Subkulturen und neue Verhaltensmuster frühzeitig zu identifizieren.
  • Externe Impulse: Etablieren Sie ein „Trend-Council“ mit externen Experten wie Soziologen, Künstlern oder Zukunftsforschern, um die eigene Betriebsblindheit zu durchbrechen.
  • Strategische Partnerschaften: Arbeiten Sie gezielt mit Kreativagenturen und Trendforschungs-Startups aus urbanen Zentren zusammen.
  • Reale Testumgebungen: Richten Sie „Living Labs“ in Städten ein, um neue Produktideen in einem realen Umfeld mit echten Nutzern zu testen.
  • Community-Aufbau: Adaptieren Sie die Community-Building-Strategien von erfolgreichen Tech-Unternehmen, um einen direkten und dauerhaften Dialog mit Ihren Kunden zu führen.

Der Brückenschlag zwischen der etablierten Welt Ihres Konzerns und der dynamischen Kreativszene ist die grösste Herausforderung, aber auch die grösste Chance für nachhaltige Innovation. Beginnen Sie noch heute damit, die erste „Innovations-Brücke“ in Ihrem Verantwortungsbereich zu bauen, und verwandeln Sie Ihr Unternehmen von einem Verwalter des Bestehenden zu einem aktiven Gestalter der Zukunft.

Geschrieben von Johannes Ebersbach, Dipl.-Ing. Maschinenbau und Senior Operations Manager mit über 20 Jahren Erfahrung in der Fertigungsindustrie. Spezialist für Prozessoptimierung, Lean Management und Industrie 4.0-Implementierung im deutschen Mittelstand.