Veröffentlicht am Mai 15, 2024

Das Problem ist nicht der Akademisierungstrend, sondern dass Ihre Methoden die Generation Z nicht mehr erreichen.

  • Authentische Videos auf TikTok sind wirksamer als jede Hochglanz-Stellenanzeige.
  • Wertschätzung und ein moderner Führungsstil sind wichtiger als das alte „Lehrjahre sind keine Herrenjahre“.

Empfehlung: Fangen Sie an, Ihre alltägliche Arbeit als authentische Story zu erzählen, um die Azubis anzuziehen, die wirklich zu Ihnen passen.

Die Auftragsbücher sind voll, aber die Werkbank bleibt leer. Sie schalten Anzeigen, sprechen mit der Agentur für Arbeit und inserieren vielleicht sogar noch im lokalen Amtsblatt – doch es kommen keine Bewerbungen von qualifizierten Jugendlichen. Viele Meister und Ausbilder schieben die Schuld auf den Akademisierungstrend und eine vermeintlich unmotivierte Jugend. Doch was, wenn das Problem nicht bei den Jugendlichen, sondern in der Ansprache liegt?

Die Generation Z, also die heute 16- bis 25-Jährigen, lebt in einer völlig anderen Welt als frühere Azubi-Jahrgänge. Sie informieren sich nicht in der Zeitung, sondern auf TikTok. Sie suchen keine Vorgesetzten, sondern Mentoren auf Augenhöhe. Sie wollen nicht nur einen Job, sondern eine Aufgabe mit Sinn und Wertschätzung. Wer heute noch mit den Methoden von vor 20 Jahren rekrutiert, sendet auf einem Kanal, den die Zielgruppe längst nicht mehr empfängt. Die gute Nachricht: Es braucht kein riesiges Marketing-Budget, um das zu ändern.

Der Schlüssel liegt in einem radikalen Umdenken. Es geht darum, aufzuhören, Bewerber zu jagen, und anzufangen, die eigene Arbeit so authentisch und spannend zu zeigen, dass die richtigen Talente von selbst kommen. Es geht um den Mut zur ungeschminkten Werkstatt-Story statt zur polierten Image-Broschüre. Dieser Artikel ist Ihr handfester Leitfaden, um genau diesen Schalter umzulegen. Wir zeigen Ihnen, warum alte Zöpfe abgeschnitten werden müssen und wie Sie mit pragmatischen, modernen Strategien die Azubis finden, die Ihr Handwerk in die Zukunft tragen.

Dieser Leitfaden ist in acht praxisnahe Abschnitte unterteilt, die Ihnen konkrete Antworten auf die drängendsten Fragen im Azubi-Recruiting geben. Das Inhaltsverzeichnis bietet Ihnen einen schnellen Überblick über die Themen, die wir behandeln werden.

Warum erreicht Ihre Stellenanzeige im Amtsblatt keinen einzigen 16-Jährigen?

Die Antwort ist brutal einfach: Weil kein 16-Jähriger das Amtsblatt liest. Diese Generation verbringt ihre Zeit nicht mit gedruckten Medien, sondern auf digitalen Plattformen, die von schnellen, visuellen Inhalten dominiert werden. Die Suche nach Informationen, Unterhaltung und auch nach beruflichen Perspektiven findet auf TikTok, Instagram und YouTube statt. Wenn Ihr Betrieb dort nicht sichtbar ist, existieren Sie für einen Grossteil der potenziellen Azubis schlichtweg nicht. Es geht hierbei nicht um eine vage Vermutung, sondern um harte Fakten. Eine aktuelle Analyse zeigt, dass 46 Prozent der Gen Z im Jahr 2025 einen Job oder ein Praktikum direkt über TikTok fanden.

Das bedeutet, fast die Hälfte Ihrer Zielgruppe wird über einen einzigen Kanal erreicht, auf dem traditionelle Stellenanzeigen keine Rolle spielen. Die Logik dieser Plattformen ist anders. Es geht um Authentizität, nicht um Perfektion. Ein kurzes, mit dem Handy gefilmtes Video von der Baustelle, das einen coolen Arbeitsschritt oder einen lustigen Moment im Team zeigt, hat eine hundertfach höhere Reichweite als eine teuer produzierte, aber sterile Stellenanzeige. Jugendliche wollen hinter die Kulissen blicken. Sie wollen sehen, wie der Arbeitsalltag wirklich ist, und die Menschen kennenlernen, mit denen sie arbeiten würden. Eine Anzeige im Amtsblatt signalisiert „altmodisch“ und „unflexibel“ – genau das Gegenteil von dem, was die Gen Z sucht.

Ihr Fahrplan für erfolgreiches Social-Media-Recruiting

  1. Authentizität vor Perfektion: Erstellen Sie authentische „Behind-the-Scenes“ Videos mit echten Azubis statt perfekter Imagefilme. Zeigen Sie den echten Alltag.
  2. Regelmässigkeit ist Trumpf: Posten Sie regelmässig, idealerweise drei kurze Videos pro Woche, auf Plattformen wie TikTok und Instagram, um im Algorithmus sichtbar zu bleiben.
  3. Keep it simple: Nutzen Sie verschwitzte Selfie-Videos und einfache Handyaufnahmen. Teure Produktionen wirken oft unnahbar und werden übersprungen.
  4. Dialog statt Monolog: Reagieren Sie extrem schnell auf Direktnachrichten und Kommentare. Wandeln Sie diese lockeren Anfragen direkt in Einladungen zum Probearbeiten oder zum Gespräch um.
  5. Ressourcen planen: Investieren Sie bewusst Zeit und auch ein kleines Budget. Ein monatlicher vierstelliger Betrag inklusive der Arbeitszeit der beteiligten Mitarbeiter ist eine realistische Grösse für den Anfang.

Der Wechsel auf diese Plattformen ist daher keine Option, sondern eine Notwendigkeit für jeden Handwerksbetrieb, der in fünf Jahren noch Nachwuchs ausbilden möchte. Es ist die direkte Eintrittskarte in die Lebenswelt Ihrer zukünftigen Fachkräfte.

Wie verhindern Sie, dass der Azubi in der ersten Woche hinschmeisst?

Einen Azubi zu finden ist nur die halbe Miete. Ihn zu halten, ist die eigentliche Meisterleistung. Besonders die ersten Tage und Wochen sind entscheidend, denn hier werden die Weichen für eine erfolgreiche Ausbildung gestellt. Die Realität ist ernüchternd: Laut einer Studie des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) liegt die Abbruchquote im Handwerk bei 31 Prozent und damit über dem Durchschnitt aller Ausbildungsberufe. Viele dieser Abbrüche passieren früh und sind auf einen Kulturschock oder eine enttäuschte Erwartungshaltung zurückzuführen.

Ein strukturierter Onboarding-Prozess ist kein „nettes Extra“, sondern ein entscheidendes Instrument zur Bindung. Der erste Tag darf nicht damit beginnen, den Azubi mit einem Besen in eine Ecke zu stellen. Er braucht einen festen Ansprechpartner (einen Paten, idealerweise ein Azubi aus einem höheren Lehrjahr), einen klaren Plan für die erste Woche und das Gefühl, willkommen zu sein. Ein kleines Willkommenspaket mit Arbeitskleidung, dem wichtigsten Werkzeug und einem Ablaufplan zeigt sofort eine hohe Wertschätzung.

Warmherziger Empfang eines neuen Azubis am ersten Arbeitstag mit Welcome-Kit und Paten-System

Wie das Bild zeigt, schafft ein professioneller Empfang eine positive und motivierende Atmosphäre. Diese anfängliche Investition in eine gute Willkommenskultur zahlt sich doppelt aus: Sie reduziert nicht nur die Wahrscheinlichkeit eines frühen Abbruchs, sondern legt auch den Grundstein für eine engagierte und loyale Mitarbeit. Ein Jugendlicher, der sich vom ersten Tag an wertgeschätzt und als Teil des Teams fühlt, wird auch schwierige Phasen in der Ausbildung mit mehr Motivation meistern.

Praxisbeispiel: Azubi-Bindung durch die richtige Auswahl

Der Dachdeckerbetrieb Schultheis hat erkannt, dass die Bindung schon bei der Auswahl beginnt. Durch authentische Einblicke in den Berufsalltag auf TikTok und Instagram ziehen sie Jugendliche an, die bereits eine realistische Vorstellung vom Job haben. Seit 2023 hat der Betrieb sechs Auszubildende über diesen Weg eingestellt. Da die Bewerber den Betrieb und die Kultur bereits aus den Videos kannten, war die „Passung“ von Anfang an hoch und das Risiko eines Kulturschocks minimiert. Dies zeigt, dass ein transparentes Recruiting die beste Prävention gegen frühe Kündigungen ist.

Letztendlich geht es darum, die anfängliche Unsicherheit des neuen Azubis proaktiv in ein Gefühl der Zugehörigkeit und Sicherheit zu verwandeln. Das ist die Basis für eine langfristig erfolgreiche Zusammenarbeit.

Schulbesuch oder Praktikumstag: Was bringt wirklich Bewerbungen?

Der klassische Weg, um auf sich aufmerksam zu machen, waren lange Zeit Berufsmessen und Präsentationen in Schulen. Doch die Effektivität dieser Massnahmen nimmt rapide ab. Sie stehen in direkter Konkurrenz zur ständigen Informationsflut auf den Smartphones der Schüler. Ein einzelner Schulbesuch pro Jahr verpufft schnell in der täglichen Reizüberflutung. Ein Praktikum ist zwar deutlich wirksamer, weil es einen echten Einblick ermöglicht, hat aber eine begrenzte Reichweite – Sie erreichen immer nur eine Person auf einmal. Die entscheidende Frage ist also: Wie skalieren Sie authentische Einblicke?

Die Antwort liegt erneut in der digitalen Welt. Ein gut gemachter, ehrlicher Einblick in ein Praktikum, geteilt als kurzes Video auf Instagram oder TikTok, erreicht potenziell Tausende von Jugendlichen in Ihrer Region – und das mit minimalem Aufwand. Während Sie bei einem Schulbesuch vor 30 vielleicht gelangweilten Schülern sprechen, können Sie online eine viel grössere und vor allem interessiertere Zielgruppe ansprechen. Die Zahlen bestätigen dies: Immerhin sagen 13 Prozent der jungen Menschen, dass Social Media ihre Berufswahl beeinflusst hat. Das mag auf den ersten Blick nicht viel klingen, aber es ist ein direkter und messbarer Einfluss, den traditionelle Methoden kaum noch erzielen.

Die folgende Tabelle, basierend auf Nutzungsdaten, verdeutlicht, wo sich Ihre zukünftigen Azubis aufhalten und welche Plattformen für das Recruiting im Handwerk wirklich relevant sind.

Vergleich der Recruiting-Kanäle für Azubis
Plattform Nutzung durch 14-29-Jährige Präsenz von Unternehmen Effektivität
Instagram 79% Hoch Sehr gut
TikTok 41% 7% der Handwerksbetriebe Sehr hoch bei Gen Z
Facebook 34% 71% der Unternehmen Gering bei Jugendlichen
Snapchat 52% Sehr niedrig Ungenutzt

Die Daten zeigen klar: Während viele Unternehmen noch auf Facebook setzen, ist diese Plattform für die Gen Z kaum noch relevant. Instagram und TikTok sind die Kanäle der Wahl. Besonders auf TikTok ist die Konkurrenz durch andere Handwerksbetriebe noch gering, was eine enorme Chance darstellt, sich als moderner und attraktiver Arbeitgeber zu positionieren. Ein Praktikum bleibt wertvoll, aber seine wahre Kraft entfaltet es erst, wenn es digital verlängert und geteilt wird.

Kombinieren Sie das Beste aus beiden Welten: Bieten Sie weiterhin Praktika an, aber dokumentieren Sie diese mit dem Einverständnis der Praktikanten und machen Sie daraus „Snackable Content“ für Ihre Social-Media-Kanäle. So wird aus einem einzelnen Praktikantentag eine reichweitenstarke Werbekampagne.

Der raue Ton auf dem Bau: Wann wird „Lehrjahre sind keine Herrenjahre“ zum Kündigungsgrund?

Der Spruch „Lehrjahre sind keine Herrenjahre“ ist im Handwerk tief verwurzelt. Er steht für eine Zeit, in der Disziplin, Härte und eine klare Hierarchie als notwendige Tugenden galten. Doch die Werte der Generation Z haben sich fundamental gewandelt. Sie suchen nach einem respektvollen Umgang auf Augenhöhe, nach konstruktivem Feedback statt pauschaler Kritik und nach einem Arbeitsumfeld, das psychologische Sicherheit bietet. Ein konstant rauer, abwertender Ton ist heute einer der häufigsten Kündigungsgründe in der Probezeit.

Es geht nicht darum, Azubis in Watte zu packen. Kritik ist notwendig und fördert die Entwicklung. Der Unterschied liegt im „Wie“. Statt einem lauten „Das ist doch Murks!“ auf der Baustelle, ist ein ruhiges Gespräch am Ende des Tages, in dem erklärt wird, was falsch lief und wie es besser geht, weitaus effektiver. Die Gen Z ist sensibler gegenüber verbalen Angriffen und legt grossen Wert auf mentale Gesundheit. Ein Betriebsklima, das von Angst und permanentem Druck geprägt ist, führt zu innerer Kündigung und letztendlich zum Ausbildungsabbruch.

Oftmals liegt das Problem aber gar nicht in böser Absicht, sondern in reiner Fehlkommunikation zwischen den Generationen. Unterschiedliche Erwartungen und unklare Anweisungen führen zu Missverständnissen, die fälschlicherweise als Desinteresse oder Faulheit interpretiert werden.

Fallstudie: Das Missverständnis um die Pünktlichkeit

Ein Ausbilder ärgerte sich darüber, dass sein Azubi morgens zwar pünktlich um 7 Uhr auf dem Firmengelände war, aber bis zum offiziellen Arbeitsbeginn im Auto sitzen blieb. Er unterstellte dem Jugendlichen Desinteresse. Im Gespräch stellte sich jedoch heraus, dass der Azubi alles richtig machen und exakt um 7 Uhr mit der Arbeit beginnen wollte – nicht früher und nicht später. Er interpretierte „Pünktlichkeit“ wörtlicher als der Meister. Dieses kleine Beispiel zeigt, wie schnell falsche Annahmen zu Frust auf beiden Seiten führen. Ein offenes Gespräch löste das Problem sofort.

Ein moderner Führungsstil im Handwerk bedeutet also nicht, auf Autorität zu verzichten. Es bedeutet, Autorität durch Kompetenz und Respekt zu ersetzen, nicht durch Lautstärke. Regelmässige, kurze Feedbackgespräche, klare Anweisungen und die Bereitschaft, auch mal eigene Fehler einzugestehen, schaffen ein Klima, in dem sich junge Talente entfalten können und wollen.

Der alte Spruch hat also ausgedient. Eine bessere Maxime für die heutige Zeit wäre: „Lehrjahre sind die wichtigsten Jahre – für den Azubi und für den Betrieb.“ Denn nur wer gut ausbildet, sichert seine eigene Zukunft.

Wie nutzen Sie Zusatzleistungen wie E-Bikes, um Azubis zu ködern?

Eine faire Ausbildungsvergütung ist die Basis, aber im Wettbewerb um die besten Talente oft nicht mehr das entscheidende Kriterium. Zusatzleistungen, sogenannte Benefits, werden immer wichtiger, um sich als attraktiver Arbeitgeber abzuheben. Doch einfach nur einen Tankgutschein oder ein Job-Ticket anzubieten, reicht nicht aus. Die Generation Z erwartet smarte, moderne und vor allem wertschätzende Extras. Ein geleastes E-Bike oder ein Zuschuss zum Fitnessstudio treffen den Zeitgeist oft besser als ein paar Euro mehr auf dem Konto.

Der entscheidende Punkt ist jedoch nicht nur, *was* Sie anbieten, sondern *wie* Sie es kommunizieren. Diese Benefits sind ein starkes Marketing-Instrument, das aktiv auf den richtigen Kanälen ausgespielt werden muss. Ein Post auf Instagram mit dem Titel „Bei uns kommst du mit dem Firmen-E-Bike zur Arbeit!“ generiert mehr positive Aufmerksamkeit als eine unscheinbare Zeile in der Stellenanzeige. Es geht darum, die Vorteile sichtbar und erlebbar zu machen. Zeigen Sie Ihre Azubis, wie sie die Benefits nutzen. Ein solches Vorgehen unterstreicht Ihre Modernität und Ihre Wertschätzung für die Mitarbeiter.

Die besten Benefits sind oft diejenigen, die den Alltag der Azubis erleichtern und gleichzeitig wenig Verwaltungsaufwand für den Betrieb bedeuten. Digitale Lösungen für die Übernahme von Fahrtkosten oder Essenszuschüssen sind hier ideal. Auch die Möglichkeit eines Auslandspraktikums kann ein enormes Zugpferd sein. Es geht darum, über den Tellerrand der reinen Vergütung hinauszuschauen und ein Gesamtpaket zu schnüren, das zeigt: Bei uns bist du mehr als nur eine billige Arbeitskraft.

Anstatt auf austauschbare Gutscheine von Grosskonzernen zu setzen, können auch regionale Partnerschaften einen grossen Unterschied machen. Ein Rabatt im lokalen Dönerladen oder im Sportgeschäft um die Ecke schafft eine stärkere Bindung zum Betrieb und zur Region. Letztendlich sind es oft die kleinen Gesten der Wertschätzung – ein persönlicher Geburtstagsgruss, ein kleines Weihnachtsgeschenk – die den grössten emotionalen Impact haben und die Loyalität nachhaltig stärken.

Denken Sie daran: Benefits sind kein Kostenfaktor, sondern eine Investition in Ihre Arbeitgebermarke. Sie sind der Beweis dafür, dass Sie die Bedürfnisse Ihrer zukünftigen Fachkräfte verstanden haben und bereit sind, mehr zu bieten als nur das Nötigste.

Warum schauen Nutzer unter 25 kaum noch statische Bild-Posts an?

Die Aufmerksamkeitsspanne im digitalen Raum ist extrem kurz, besonders bei der Generation Z. Sie sind es gewohnt, in Sekundenschnelle durch endlose Feeds zu scrollen. In diesem Umfeld hat ein statisches Bild kaum eine Chance, die Aufmerksamkeit zu fesseln. Das Gehirn ist auf Bewegung, schnelle Schnitte und auditive Reize trainiert. Ein Bild ist eine Pause im Informationsfluss, ein Video ist der Fluss selbst. Deshalb sind Videos das am häufigsten genutzte Format unter den 14- bis 29-Jährigen.

Für Handwerksbetriebe ist das eine riesige Chance. Kaum ein anderer Sektor kann so leicht visuell beeindruckende und authentische Geschichten erzählen. Das Verlegen eines Bodens im Zeitraffer, das Anmischen einer speziellen Farbe, der Vorher-Nachher-Effekt einer Sanierung – all das sind perfekte Motive für kurze, dynamische Videos. Diese „Snackable Contents“ sind nicht nur unterhaltsam, sondern vermitteln auch auf subtile Weise Kompetenz, Kreativität und die Befriedigung, etwas mit den eigenen Händen zu schaffen.

Junge Menschen der Generation Z konsumieren Video-Content auf Smartphones im Handwerkskontext

Der Konsum dieser Inhalte ist tief im Alltag verankert, wie die Abbildung zeigt. Das Smartphone ist das Fenster zur Welt, und dieses Fenster zeigt primär Bewegtbild. Ein statischer Post über „freie Ausbildungsplätze“ wirkt daneben wie eine Anzeige aus einer anderen Zeit. Er transportiert keine Emotion und erzählt keine Geschichte. Ein Video hingegen kann in 15 Sekunden mehr über die Kultur und die Leidenschaft in Ihrem Betrieb aussagen als ein 1000-Wörter-Text.

Praxisbeispiel: Ein Video sagt mehr als tausend Bilder

Ein Maurer-Meister begann, kurze Videos von seiner Arbeit zu posten. Die positiven Reaktionen bestärkten ihn, weiterzumachen. Kurz darauf erhielt er eine Initiativbewerbung von einem Jugendlichen mit den Worten: „Ich fand Ihren Internetauftritt so gut, dass ich gar nicht mehr bei anderen geschaut habe.“ Dieses Zitat bringt den Effekt auf den Punkt. Mit authentischen Videos positionierte er sich als Top-Arbeitgeber in seiner Region und zog genau die motivierten Bewerber an, die er suchte.

Haben Sie keine Angst vor der Technik. Ein modernes Smartphone ist alles, was Sie brauchen. Es geht um die Echtheit der Geschichte, nicht um die Hollywood-Produktion. Fangen Sie einfach an, Ihren Arbeitsalltag zu filmen.

Wie funktioniert Mentoring, wenn der Azubi dem Meister die Technik erklärt?

Die klassische Vorstellung vom Mentoring im Handwerk ist klar: Der erfahrene Meister gibt sein Wissen an den wissbegierigen Lehrling weiter. Doch in Zeiten der Digitalisierung gerät dieses einseitige Modell ins Wanken. Während der Meister über jahrzehntelange praktische Erfahrung verfügt, sind die Azubis der Generation Z oft „Digital Natives“. Sie sind mit Smartphones, Apps und Social Media aufgewachsen und bewegen sich in dieser Welt mit einer Selbstverständlichkeit, die vielen Älteren fehlt.

Hier liegt die Chance für ein sogenanntes „Reverse Mentoring“ – ein Mentoring in umgekehrter Richtung. Der Azubi wird zum Lehrer für den Meister, wenn es um digitale Themen geht. Er kann zeigen, wie man einen ansprechenden Instagram-Post erstellt, wie man auf TikTok nach Trends sucht oder wie man Kundenanfragen per WhatsApp Business professionell beantwortet. Inzwischen nutzt bereits mehr als die Hälfte der deutschen Handwerksunternehmen (56 Prozent) Social Media, aber oft fehlt das Know-how für eine wirklich effektive Nutzung.

Dieses Modell des Wissensaustauschs hat mehrere Vorteile. Erstens profitiert der Betrieb direkt vom digitalen Wissen der Jugend. Zweitens erfährt der Azubi eine enorme Wertschätzung und Anerkennung. Er ist nicht mehr nur der „Stift“, der Anweisungen ausführt, sondern ein wertvolles Teammitglied, dessen Fähigkeiten gebraucht werden. Dies stärkt das Selbstbewusstsein und die Bindung an den Betrieb enorm. Der Meister gibt im Gegenzug sein unersetzliches Fachwissen weiter. Es entsteht eine Partnerschaft auf Augenhöhe, eine „Zukunftspartnerschaft“, bei der beide Seiten voneinander lernen und profitieren.

Um ein solches Reverse Mentoring erfolgreich zu etablieren, braucht es einen offiziellen Rahmen. Richten Sie ein „Digital-Tandem“ mit festen wöchentlichen Zeiten ein, in denen der Austausch stattfindet. Verankern Sie die Rolle des „Digital-Mentors“ vielleicht sogar im Ausbildungsvertrag und belohnen Sie dieses zusätzliche Engagement. So wird aus einer informellen Hilfe eine strategische Säule Ihrer Personalentwicklung.

Am Ende entsteht eine Win-Win-Situation: Der Betrieb wird digital fitter, der Meister lernt dazu, und der Azubi fühlt sich ernst genommen und wächst über sich hinaus. Das ist die moderne Interpretation von „Lehrjahren“.

Das Wichtigste in Kürze

  • Sichtbarkeit ist alles: Ihre Zielgruppe ist auf TikTok und Instagram, nicht im Amtsblatt. Authentische Videos sind der Schlüssel.
  • Kultur schlägt Gehalt: Ein respektvoller Umgang auf Augenhöhe und ein modernes Onboarding binden Azubis stärker als ein paar Euro mehr.
  • Standort ist kein Hindernis: Mit der richtigen digitalen Strategie erreichen Sie motivierte Bewerber auch im ländlichen Raum.

Wie rekrutieren Sie die Generation Z, wenn Ihr Standort ländlich geprägt ist?

Viele Handwerksbetriebe im ländlichen Raum sehen ihren Standort als entscheidenden Nachteil im Wettbewerb um Azubis. Sie glauben, gegen die Verlockungen der grossen Städte keine Chance zu haben. Dies ist einer der grössten Mythen im modernen Recruiting. Die Digitalisierung hat die geografischen Grenzen des Arbeitsmarktes für Auszubildende aufgeweicht. Ihre Reichweite wird nicht mehr durch die Entfernung in Kilometern bestimmt, sondern durch die Qualität Ihrer digitalen Präsenz.

Der Fachkräftemangel ist real und gravierend. Zum Stichtag Ende September 2025 waren laut Bundesagentur für Arbeit noch 54.000 Ausbildungsplätze unbesetzt. Ein Grossteil davon im ländlichen Raum. Doch anstatt zu resignieren, sollten Betriebe dies als Chance begreifen. Mit einer klugen Social-Media-Strategie können Sie sich als regionaler Champion und Top-Arbeitgeber positionieren. Sie können genau die Jugendlichen ansprechen, die bewusst nicht in die anonyme Grossstadt wollen, sondern die Vorteile einer starken lokalen Gemeinschaft und einer hohen Lebensqualität schätzen.

Der Schlüssel ist, die Stärken des ländlichen Raums und Ihres Betriebs herauszuarbeiten und online sichtbar zu machen. Zeigen Sie den starken Teamzusammenhalt, die Verbundenheit zur Region, die vielleicht kürzeren Arbeitswege oder die Möglichkeit, an prestigeträchtigen lokalen Projekten mitzuwirken. Ein Betrieb, der authentisch und sympathisch auf Instagram seine Geschichte erzählt, wirkt für einen 16-Jährigen aus der Umgebung oft attraktiver als ein anonymer Grosskonzern in der fernen Stadt.

Praxisbeispiel: Erfolg im ländlichen Raum

Raumausstatter Florian Kratz aus dem ländlichen Lich in Hessen hat bewiesen, dass der Standort keine Rolle spielt. Ursprünglich nutzte er Social Media zur Mitarbeitergewinnung. Heute ist er so erfolgreich, dass er seine Kanäle gezielt für Kundenaufträge einsetzt und darüber 80 Prozent seines Umsatzes generiert. Seine digitale Sichtbarkeit hat ihn zu einer starken Marke in seiner Region gemacht – sowohl für Kunden als auch für potenzielle Bewerber. Er hat gezeigt, dass man vom Land aus den Markt erobern kann, wenn man die digitalen Werkzeuge richtig einsetzt.

Die digitale Reichweite macht den geografischen Standort zweitrangig. Um dieses Potenzial voll auszuschöpfen, ist es entscheidend, die eigene digitale Strategie an die lokalen Gegebenheiten anzupassen.

Ihr Standort ist keine Schwäche, sondern Ihre grösste Stärke – wenn Sie lernen, seine Geschichte digital zu erzählen. Beginnen Sie noch heute damit, Ihren Betrieb zur bekanntesten Arbeitgebermarke in Ihrer Region zu machen.

Geschrieben von Elke Rosenbaum, Wirtschaftspsychologin und HR-Direktorin mit Schwerpunkt auf New Work, Recruiting und Organisationsentwicklung. Expertin für den demografischen Wandel in der Arbeitswelt.