Veröffentlicht am März 11, 2024

Die Anpassung an den Wertewandel ist keine Marketing-Option mehr, sondern eine strategische Notwendigkeit für das Überleben von Marken in Deutschland.

  • Erfolgreiche Marken nutzen eine Zwei-Säulen-Strategie, um Tradition und Innovation auszubalancieren.
  • Die Analyse stabiler Makro-Trends, gestützt auf Modelle wie die Sinus-Milieus®, ist entscheidend, um kurzlebige Hypes von echten gesellschaftlichen Verschiebungen zu unterscheiden.

Empfehlung: Führen Sie einen Relevanz-Audit durch, um potenzielle „kulturelle Sollbruchstellen“ in Ihrem bestehenden Produktportfolio proaktiv zu identifizieren und zu entschärfen.

Ein Produkt, das gestern noch ein Bestseller war, kann heute eine „kulturelle Sollbruchstelle“ darstellen – ein Auslöser für öffentliche Kritik und Boykottaufrufe. Für Produktmanager und Marketer in Deutschland ist diese neue Realität eine der grössten Herausforderungen. Die Märkte sind volatiler geworden, nicht nur wirtschaftlich, sondern vor allem kulturell. Werte wie Nachhaltigkeit, Inklusion, soziale Gerechtigkeit und Gender-Fluidität sind keine Nischenthemen mehr, sondern zentrale Erwartungen eines wachsenden Teils der Konsumenten. Die üblichen Ratschläge wie „Hören Sie auf Ihre Kunden“ oder „Beobachten Sie Social-Media-Trends“ greifen hier oft zu kurz. Sie kratzen nur an der Oberfläche und führen zu reaktiven, oft unauthentischen Massnahmen.

Doch was, wenn der Schlüssel nicht in der schnellen Reaktion auf jeden neuen Hashtag liegt, sondern in einer tiefgreifenden, strukturellen Anpassung der eigenen Werte-Architektur? Was, wenn es darum geht, nicht nur das Marketing, sondern das Produkt selbst neu zu denken? Dieser Artikel argumentiert, dass eine reine Beobachtung von Trends nicht mehr ausreicht. Stattdessen müssen Unternehmen eine proaktive „Zwei-Säulen-Produktstrategie“ entwickeln: Eine Säule, die das Erbe und die Stammkundschaft pflegt, und eine zweite, die mutig neue Wege geht, um für zukünftige Generationen relevant zu bleiben. Es geht darum, gesellschaftliche Signale richtig zu filtern, Risiken wie kulturelle Aneignung zu managen und Trends erst dann in die Massenproduktion zu überführen, wenn sie sich als stabil erwiesen haben. Wir werden untersuchen, wie Sie diesen Wandel nicht als Bedrohung, sondern als strategische Chance begreifen.

In diesem Leitfaden analysieren wir die Fallstricke des modernen Marketings, zeigen bewährte Methoden zur Modernisierung von Traditionsmarken und bieten konkrete Werkzeuge, um Ihr Unternehmen für die disruptiven Veränderungen der nächsten Jahre zu wappnen. Die folgenden Abschnitte bieten Ihnen einen strukturierten Einblick in die zentralen Handlungsfelder.

Warum ist „Gender-Marketing“ in rosa und blau heute ein PR-Desaster?

Klassisches Gender-Marketing, das Produkte stereotyp in „für Männer“ und „für Frauen“ einteilt, ist heute mehr als nur unmodern – es ist ein erhebliches Geschäftsrisiko. Der Grund liegt in einem fundamentalen Wertewandel: Konsumenten, insbesondere jüngere Generationen, lehnen starre Geschlechterrollen ab und bestrafen Marken, die sie durch klischeehafte Farbgebungen oder Produktnamen zementieren. Es wird nicht mehr als harmlose Segmentierung, sondern als Ausdruck mangelnden Verständnisses für gesellschaftliche Vielfalt und als Versuch interpretiert, durch den sogenannten „Pink Tax“ ungerechtfertigte Preisaufschläge für Frauenprodukte durchzusetzen.

Ein prägnantes Beispiel aus Deutschland ist der Fall „Buscopan Plus Pink“. Die Einführung einer pinken Variante des Medikaments, die teurer war als das Originalprodukt bei gleicher Wirkstoffzusammensetzung, führte zu massiver Kritik in den sozialen Medien und von Verbraucherschutzorganisationen. Dem Hersteller Sanofi wurde daraufhin der Negativpreis „Goldener Zaunpfahl“ für absurdes Gendermarketing verliehen. Das Unternehmen reagierte zwar mit einer Preissenkung, doch der Imageschaden war bereits entstanden. Dieser Fall zeigt exemplarisch, dass der Versuch, durch oberflächliches Gendering neue Zielgruppen zu erschliessen, nach hinten losgehen kann, wenn er als unaufrichtig und ausbeuterisch wahrgenommen wird.

Die Gefahr liegt darin, dass solche Strategien nicht nur potenzielle Neukunden abschrecken, sondern auch die Loyalität bestehender Kunden untergraben, die sich mit den veralteten Werten der Marke nicht mehr identifizieren können. Ein PR-Desaster in diesem Bereich ist selten auf ein einzelnes Produkt beschränkt; es stellt die gesamte Markenidentität und ihre gesellschaftliche Relevanz in Frage. Die Anpassung an eine post-gender-Realität ist daher keine kosmetische, sondern eine strategische Notwendigkeit.

Wie modernisieren Sie eine Traditionsmarke, ohne die Stammkunden zu verprellen?

Die Modernisierung einer etablierten deutschen Traditionsmarke ist ein Balanceakt. Einerseits muss die Marke relevant für neue, werteorientierte Zielgruppen werden, andererseits darf sie ihre treue Stammkundschaft, die oft das wirtschaftliche Rückgrat bildet, nicht vor den Kopf stossen. Der Schlüssel liegt in einer Zwei-Säulen-Produktstrategie: eine Säule bewahrt und pflegt das Kerngeschäft (Evolution), während die andere mutig neue Produkte und Kommunikationswege testet (Revolution). Dieser Ansatz erlaubt es, Risiken zu minimieren und gleichzeitig Innovationsfähigkeit zu beweisen.

Um beide Welten zu verstehen und gezielt anzusprechen, sind tiefgehende Zielgruppenanalysen unerlässlich. Ein bewährtes Instrument im deutschen Markt sind hier die Sinus-Milieus®, die ein aktuelles Bild der Gesellschaft und ihrer Wertewelten zeichnen. Sie ermöglichen es Unternehmen, die Lebensstile, Konsumgewohnheiten und Wertehaltungen sowohl traditioneller Milieus (z.B. die „Traditionellen“ oder „Bürgerliche Mitte“) als auch moderner, zukunftsorientierter Milieus (z.B. „Postmaterielle“ oder „Expeditive“) präzise zu erfassen. Eine Marke kann so gezielt Produkte für ihre Kernzielgruppe weiterentwickeln und gleichzeitig mit neuen Angeboten die progressiveren Milieus ansprechen, ohne ihre Markenidentität zu verwässern.

Diese strategische Trennung muss sich in der gesamten Produktentwicklung und im Marketing widerspiegeln. Die Illustration unten visualisiert dieses Konzept der zwei Säulen, die durch einen evolutionären Prozess miteinander verbunden sind – ein Weg, der es dem deutschen Mittelstand ermöglicht, sein Erbe zu ehren und gleichzeitig die Weichen für eine zukunftsfähige Marktposition zu stellen.

Zwei-Säulen-Produktstrategie für den deutschen Mittelstand zwischen Tradition und Innovation

Wie dieses Modell zeigt, geht es nicht um ein „Entweder-oder“, sondern um ein strategisches „Sowohl-als-auch“. Durch die gezielte Ansprache unterschiedlicher Wertewelten mit passgenauen Angeboten kann eine Traditionsmarke ihre Relevanz über Generationen hinweg sichern. Der gemeinsame Nenner bleibt dabei die Kern-DNA der Marke – Qualität, Verlässlichkeit oder ein anderes zentrales Versprechen, das in beiden Säulen authentisch gelebt wird.

Inspiration oder Diebstahl: Wo verläuft die Grenze bei Design und Mode?

In einer globalisierten Welt, in der Trends und Designs blitzschnell über soziale Medien verbreitet werden, verschwimmt die Grenze zwischen kultureller Inspiration und kultureller Aneignung zusehends. Für Produktmanager, insbesondere in kreativen Branchen wie Mode, Schmuck oder Interior Design, ist dies ein ethisches und rechtliches Minenfeld. Was als Hommage gedacht ist, kann schnell als respektloser Diebstahl geistigen oder kulturellen Eigentums wahrgenommen werden. Dies geschieht vor allem dann, wenn Designs, Muster oder Symbole aus marginalisierten Kulturen ohne deren Beteiligung, Anerkennung oder finanzielle Kompensation kommerzialisiert werden.

Die Konsequenzen können von Reputationsschäden bis hin zu Boykottaufrufen reichen. Die entscheidende Frage ist nicht, *ob* man sich inspirieren lässt, sondern *wie*. Der Prozess muss von Respekt und Transparenz geprägt sein. In Deutschland bieten das Urheberrechtsgesetz (UrhG) und das Designgesetz (DesignG) einen rechtlichen Rahmen, der jedoch oft nicht die ethische Dimension der kulturellen Herkunft abdeckt. Ein Design mag rechtlich frei verwendbar sein, wenn seine „Schöpfungshöhe“ nicht ausreicht oder Schutzfristen abgelaufen sind, doch die ethische Verantwortung bleibt.

Um sich vor dem Vorwurf der kulturellen Aneignung zu schützen, benötigen Unternehmen einen klaren internen Kodex. Es geht darum, die Ursprünge und Bedeutungen von Designs gründlich zu recherchieren, die Quelle der Inspiration transparent zu machen und, wo immer möglich, eine faire Kollaboration mit den ursprünglichen Kulturschaffenden anzustreben. Dies kann von der Lizenzierung von Mustern bis hin zu gemeinsamen Kollektionen reichen, die den Partnern eine Plattform und eine faire finanzielle Beteiligung sichern. Ein solcher Ansatz verwandelt ein potenzielles Risiko in eine Chance für authentisches Storytelling und eine stärkere Markenbindung.

Ihr Fahrplan zur ethischen Produktinspiration

  1. Quellenrecherche: Führen Sie eine detaillierte Recherche zu den kulturellen Ursprüngen, der Bedeutung und dem Kontext der inspirierenden Elemente durch.
  2. Rechtliche Prüfung: Klären Sie die Schutzvoraussetzungen gemäss deutschem Urheberrechtsgesetz (UrhG) und Designgesetz (DesignG), insbesondere die erforderliche Schöpfungshöhe.
  3. Transparenz: Dokumentieren Sie die Inspirationsquellen und kommunizieren Sie diese transparent, sowohl intern als auch extern, um Anerkennung zu zollen.
  4. Kollaboration anstreben: Suchen Sie aktiv den Kontakt zu den ursprünglichen Kulturschaffenden oder deren Gemeinschaften, um Möglichkeiten für eine faire Zusammenarbeit zu prüfen.
  5. Faire Kompensation: Entwickeln Sie Modelle für eine gerechte finanzielle Beteiligung, sei es durch Lizenzvereinbarungen, Spenden an Kulturstiftungen oder direkte Gewinnbeteiligung.

Der Boykott-Aufruf: Wie reagieren Sie, wenn alte Werbespots viral gehen?

Im digitalen Zeitalter hat nichts ein Verfallsdatum. Ein Werbespot oder ein Produktdesign, das vor zehn oder zwanzig Jahren als unproblematisch galt, kann heute viral gehen und einen Sturm der Entrüstung auslösen. Gründe dafür sind veränderte gesellschaftliche Normen bezüglich Rassismus, Sexismus oder der Darstellung von Minderheiten. Wenn ein solcher „digitaler Zombie“ aus der Vergangenheit wieder auftaucht und zu Boykottaufrufen führt, ist eine schnelle, strategische und vor allem aufrichtige Reaktion überlebenswichtig. Schweigen oder Abwarten sind in der Regel die schlechtesten Optionen, da sie als Ignoranz oder Arroganz interpretiert werden.

Eine effektive Krisenkommunikation in solchen Fällen folgt einer klaren Struktur. Es geht nicht darum, sich zu rechtfertigen, sondern darum, Verantwortung zu übernehmen und zu zeigen, dass die Marke dazugelernt hat. Ein rein juristisches oder PR-getriebenes Vorgehen wirkt oft hohl und unpersönlich. Stattdessen ist Empathie gefragt: das Anerkennen, dass der beanstandete Inhalt aus heutiger Sicht verletzend oder problematisch ist, und eine klare Entschuldigung ohne Relativierungen wie „falls sich jemand verletzt gefühlt hat“.

Für eine strukturierte Reaktion hat sich in der Krisenkommunikation das A.N.E.-Modell bewährt, das einen klaren Handlungsrahmen für die ersten kritischen Stunden und Tage vorgibt. Es hilft, Panikreaktionen zu vermeiden und stattdessen einen kontrollierten Prozess einzuleiten, der darauf abzielt, das Vertrauen der Öffentlichkeit schrittweise wiederherzustellen. Die folgende Matrix zeigt die drei entscheidenden Phasen.

A.N.E.-Modell: 3-stufige Reaktionsmatrix für Krisenkommunikation
Phase Aktion Zeitrahmen Kommunikationskanal
A – Anerkennen Fehler öffentlich eingestehen 24-48 Stunden Social Media & Pressemitteilung
N – Neutralisieren Problematischen Content entfernen 72 Stunden Alle Plattformen
E – Ersetzen Neue werteorientierte Kampagne 2-4 Wochen Multichannel

Dieser Prozess, wie er in einer Analyse zur Krisenkommunikation dargelegt wird, signalisiert Handlungsfähigkeit und den Willen zur Veränderung. Der letzte Schritt, das „Ersetzen“, ist der wichtigste: Er beweist, dass die Entschuldigung nicht nur ein Lippenbekenntnis war, sondern dass die Marke ihre Werte tatsächlich überdacht hat und bereit ist, dies durch neue, zeitgemässe Inhalte und Produkte zu beweisen. So kann aus einer Krise eine Chance zur Neupositionierung erwachsen.

Wann ist ein gesellschaftlicher Trend stabil genug für die Massenproduktion?

Die grösste Angst eines Produktmanagers ist es, auf den falschen Zug aufzuspringen: massiv in einen Trend zu investieren, der sich als kurzlebiger Hype entpuppt. Die Differenzierung zwischen einem oberflächlichen Mikro-Buzz und einer tiefgreifenden, stabilen gesellschaftlichen Strömung ist daher eine Kernkompetenz. Ein Trend ist erst dann reif für die Massenproduktion, wenn er drei entscheidende Phasen durchlaufen hat: die Nischen-Phase, die Wachstums-Phase und die Mainstream-Phase. Ein zu früher Einstieg ist riskant und kapitalintensiv, ein zu später Einstieg bedeutet verpasste Marktchancen.

Das Modell des „Trend-Trichters“ hilft, diesen Prozess zu visualisieren. An der Spitze des Trichters stehen unzählige schwache Signale und Nischenphänomene. Nur wenige davon verdichten sich, gewinnen an Zugkraft in breiteren sozialen Gruppen und sickern schliesslich in den Mainstream durch. Ein Indikator für einen stabilen Trend ist, wenn er von der reinen Ästhetik oder dem reinen Verhalten zu einem Ausdruck von Werten wird. Nachhaltigkeit ist hier das beste Beispiel: Was als Nischenthema begann, ist heute ein zentrales Qualitäts- und Kaufkriterium für eine breite Masse.

Trend-Trichter-Modell zur Bewertung der Marktreife für Massenproduktion

Quantitative Daten sind entscheidend, um die Stabilität eines Trends zu validieren. Wenn ein Wertewandel in regelmässigen, repräsentativen Studien auftaucht und über die Zeit an Bedeutung gewinnt, ist dies ein starkes Signal für die Marktreife. Der aktuelle GfK Nachhaltigkeitsindex zeigt beispielsweise, dass 47 % der Verbraucher Bio-Produkte mit hochwertiger Qualität verbinden. Eine solche Zahl belegt, dass „Bio“ nicht mehr nur eine ethische Entscheidung für eine kleine Gruppe ist, sondern ein fest verankertes Qualitätsmerkmal im Massenmarkt. Erst wenn ein Trend diesen „Tipping-Point“ erreicht hat, ist das Risiko für eine Investition in die Massenproduktion kalkulierbar.

Welche 3 gesellschaftlichen Indikatoren übersehen 80% der deutschen Chefs bei der Planung?

Während viele deutsche Führungskräfte auf offensichtliche wirtschaftliche Kennzahlen achten, übersehen sie oft subtilere, aber ebenso disruptive gesellschaftliche Indikatoren. Diese „schwachen Signale“ entwickeln sich oft unter dem Radar, bevor sie zu unumkehrbaren Marktanforderungen werden. Drei dieser oft vernachlässigten Indikatoren sind besonders entscheidend für die strategische Produkt- und Unternehmensplanung der nächsten Jahre.

Erstens: der demografische Wandel in Verbindung mit der Nachfrage nach „Universal Design“. Die Alterung der Gesellschaft ist bekannt, doch die Konsequenzen für das Produktdesign werden unterschätzt. Es geht nicht mehr um spezielle „Seniorenprodukte“, sondern um universell gestaltete Produkte, die für Menschen jeden Alters und mit unterschiedlichen körperlichen Fähigkeiten intuitiv und komfortabel nutzbar sind. Dies reicht von leicht zu öffnenden Verpackungen bis hin zu Software-Interfaces mit hohem Kontrast. Unternehmen, die dies ignorieren, verlieren nicht nur eine wachsende Käuferschicht, sondern auch den Anschluss an den Design-Standard der Zukunft.

Zweitens: die Resilienz des Nachhaltigkeitsgedankens auch in Krisenzeiten. Viele Manager gingen davon aus, dass das Interesse an nachhaltigem Konsum in wirtschaftlich unsicheren Zeiten nachlassen würde. Das Gegenteil ist der Fall, wie Experten bestätigen. Die Utopia-Geschäftsführerin Dr. Meike Gebhard fasst die Ergebnisse der jüngsten Studie so zusammen:

Nachhaltigkeit ist stabil genug in der Gesellschaft verankert, um sich auch in wirtschaftlich schwierigen Zeiten zu behaupten. Fast jede:r zweite Konsument:in hat schon heute eine grosse Nähe zu nachhaltigem Konsum.

– Dr. Meike Gebhard, Utopia Studie 2024

Dies zeigt: Nachhaltigkeit ist kein Luxusgut mehr, sondern ein fundamentaler Wert, der die Kaufentscheidung massgeblich beeinflusst. Unternehmen, die ihre Nachhaltigkeitsstrategie aufschieben, riskieren eine dauerhafte Entfremdung von einer kritischen Masse an Konsumenten.

Drittens: die wachsende Bedeutung der digitalen Inklusion und Barrierefreiheit. Während physische Barrierefreiheit langsam zur Norm wird, bleibt die digitale Welt für viele Menschen ein Hindernis. Dies betrifft nicht nur Webseiten, sondern auch interne Software, Kommunikationstools und digitale Produkte. Die Nichtbeachtung digitaler Barrierefreiheit schliesst nicht nur potenzielle Kunden, sondern auch dringend benötigte Fachkräfte mit Behinderungen vom Arbeitsmarkt aus – ein strategischer Fehler angesichts des Fachkräftemangels in Deutschland.

Wie gestalten Sie den Arbeitsplatz barrierefrei, um Fachkräfte mit Behinderung zu gewinnen?

Angesichts des anhaltenden Fachkräftemangels in Deutschland können es sich Unternehmen nicht mehr leisten, talentierte Bewerber auszuschliessen. Ein oft übersehenes Potenzial liegt bei Menschen mit Behinderungen. Ein barrierefreier Arbeitsplatz ist dabei nicht nur eine gesetzliche und ethische Verpflichtung, sondern ein entscheidender Wettbewerbsvorteil im „War for Talents“. Während physische Barrierefreiheit wie Rampen oder Aufzüge oft im Fokus steht, ist die digitale Barrierefreiheit im modernen Arbeitsalltag von noch grösserer Bedeutung. Sie stellt sicher, dass alle Mitarbeiter gleichberechtigt auf Informationen zugreifen und Software-Tools nutzen können.

Die Umsetzung digitaler Barrierefreiheit erfordert einen systematischen Ansatz. Es geht darum, sicherzustellen, dass Webseiten, das Intranet, interne Software und digitale Dokumente so gestaltet sind, dass sie beispielsweise von Screenreadern für blinde oder sehbehinderte Menschen problemlos gelesen werden können. Dies schliesst auch eine einfache Navigation per Tastatur für Menschen mit motorischen Einschränkungen und anpassbare Kontraste oder Schriftgrössen ein. In Deutschland gibt die Barrierefreie-Informationstechnik-Verordnung (BITV 2.0) klare Standards und Richtlinien vor, die als Orientierung für Unternehmen dienen.

Ein proaktives Engagement für Barrierefreiheit signalisiert eine offene und inklusive Unternehmenskultur, was die Arbeitgeberattraktivität deutlich steigert. Die konkrete Umsetzung kann folgende Schritte umfassen:

  • Bestandsaufnahme: Systematische Analyse aller digitalen Systeme und Kommunikationskanäle auf ihre Konformität mit Barrierefreiheitsstandards.
  • Experten-Audits: Durchführung von Konformitätsprüfungen gemäss BITV 2.0 durch zertifizierte Experten, um Schwachstellen zu identifizieren.
  • Technische Implementierung: Sicherstellung der Kompatibilität mit Screenreadern, Bereitstellung von Alternativtexten für alle visuellen Inhalte und Gewährleistung einer vollständigen Tastaturnavigation.
  • Mitarbeitersensibilisierung: Schulung aller Mitarbeiter, insbesondere der Content-Ersteller, in der Erstellung barrierefreier Dokumente und Inhalte.

Indem Unternehmen Barrieren abbauen, öffnen sie nicht nur die Tür für ein breiteres Spektrum an Talenten, sondern fördern auch eine Kultur der Innovation und Vielfalt, von der das gesamte Unternehmen profitiert. Es ist eine Investition, die sich sowohl sozial als auch wirtschaftlich auszahlt.

Das Wichtigste in Kürze

  • Die Anpassung an den Wertewandel ist keine Option, sondern eine strategische Notwendigkeit, um „kulturelle Sollbruchstellen“ zu vermeiden.
  • Eine Zwei-Säulen-Strategie ermöglicht es Traditionsmarken, ihre Stammkunden zu halten und gleichzeitig neue, werteorientierte Zielgruppen zu erschliessen.
  • Die Unterscheidung zwischen kurzlebigen Hypes und stabilen Makro-Trends, gestützt auf Daten und Modelle wie die Sinus-Milieus®, ist entscheidend für nachhaltigen Erfolg.

Wie sichern Sie Ihr Unternehmen gegen disruptive Marktveränderungen in den nächsten 5 Jahren ab?

Die Absicherung gegen disruptive Marktveränderungen erfordert mehr als nur finanzielle Rücklagen oder eine flexible Lieferkette. Sie verlangt eine tief verankerte strategische Agilität, die auf einem kontinuierlichen Abgleich der eigenen Produkte und Prozesse mit dem gesellschaftlichen Wertewandel basiert. Die grösste Gefahr geht nicht von neuen Technologien aus, sondern von einem Auseinanderdriften der Markenwerte und der Erwartungen der Gesellschaft. Die in diesem Artikel besprochenen Aspekte – von Gender-Marketing über Nachhaltigkeit bis hin zur Barrierefreiheit – sind keine isolierten Themen, sondern Facetten derselben übergeordneten Herausforderung: der Aufrechterhaltung von Relevanz.

Ein zukunftsfähiges Unternehmen institutionalisiert den Prozess der Selbstreflexion. Es führt regelmässig einen „Relevanz-Audit“ durch, bei dem das gesamte Produktportfolio und die Marketingkommunikation auf potenzielle Konflikte mit aktuellen Wertvorstellungen überprüft werden. Es investiert in das Verständnis von Zielgruppen, das über reine demografische Daten hinausgeht, und erkennt die Bedürfnisse verschiedener Lebenswelten an. Vor allem aber begreift es Veränderung nicht als Krise, die es zu managen gilt, sondern als permanenten Zustand, den es proaktiv zu gestalten gilt.

Ein hervorragendes Beispiel für diese proaktive Absicherung ist die Nachhaltigkeitsstrategie der Drogeriekette ROSSMANN. Anstatt nur auf den Druck von aussen zu reagieren, hat das Unternehmen ambitionierte, messbare Ziele für seine Eigenmarken gesetzt. So wurde der Anteil an recyceltem Plastik in den Verpackungen kontinuierlich erhöht und das Ziel ausgegeben, bis 2025 einen Recyclinganteil von 90 % zu erreichen. Diese Strategie ist nicht nur eine Antwort auf den Wunsch der Kunden nach umweltfreundlicheren Produkten; sie ist eine proaktive Massnahme zur Sicherung der eigenen Lieferketten und zur Positionierung als verantwortungsbewusster Akteur im Markt. Dies schafft eine Resilienz, die weit über kurzfristige PR-Effekte hinausgeht und das Unternehmen gegen zukünftige Regulierungen und Reputationsrisiken absichert.

Letztlich ist die beste Versicherung gegen disruptive Veränderungen eine Unternehmenskultur, die Neugier, Empathie und die Bereitschaft zur Veränderung fördert. Es ist die Fähigkeit, die eigene Position immer wieder kritisch zu hinterfragen und die Produktstrategie als einen lebendigen, sich ständig weiterentwickelnden Prozess zu verstehen.

Beginnen Sie noch heute damit, einen Relevanz-Audit in Ihrem Unternehmen zu implementieren, um Ihr Produktangebot systematisch zu analysieren und für die kulturellen Anforderungen von morgen zu wappnen.

Geschrieben von Lukas Sander, Growth Marketer und PR-Spezialist für B2B-Kommunikation und digitalen Vertrieb. Fokus auf Social Selling, Krisenkommunikation und Customer Experience.